Geschichte des Werkbund
Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund (1865–2025)
Die 1860er-Jahre: Gründung und erste Schritte (1865–1869)
Am 3. April 1865 versammelten sich in Graz Kunstfreunde, Literaten und Künstler, um den „Steiermärkischen Kunstverein“ ins Leben zu rufen[1]. Initiator und erster Präsident war Franz Graf von Meran (1839–1891), Sohn des steirischen Landesvaters Erzherzog Johann[1]. Franz von Meran führte damit die kulturelle Mission seines Vaters fort: Nach der Gründung des Landesmuseums Joanneum (1811) durch Erzherzog Johann sollte nun ein Kunstverein die nächste große Kulturidee in der Steiermark verwirklichen[2]. Der Zweck des Vereins wurde damals progressiv formuliert: Laut Statuten von 1865 beschränkte man sich „vorzugsweise auf die der gegenwärtigen Generation angehörende Kunstperiode“[3] – mit anderen Worten, man widmete sich gezielt der zeitgenössischen Kunst. Dieser Fokus auf aktuelle Strömungen war für die Mitte des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich und zeugt von einem pluralistischen Kunstverständnis, das den Verein über alle politischen Umbrüche hinweg lebendig erhalten sollte[3]. Bereits die Gründungsversammlung vereinte Persönlichkeiten verschiedenster Bereiche. Nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch Literaten, Mäzene und Bildungsbürger traten dem Verein bei. Sogar Kaiser Franz Joseph I. ließ sich als Ehrenmitglied eintragen[4][5]. Dieses breite Spektrum an Mitgliedern legte den Grundstein für die bis heute währende Vielfalt des Vereins. Bis Ende 1866 wuchs die Gemeinschaft auf beachtliche 772 Mitglieder an[6]. Diese zahlreiche Unterstützung ermöglichte von Beginn an ein reges Ausstellungsprogramm. Die ersten vom Kunstverein organisierten Kunstausstellungen in Graz – etwa im Landhaus und in privaten Sälen – stießen auf großes Publikumsinteresse und konnten sich finanziell selbst tragen[7][8]. Zeitgenössische Zeitungen lobten, der neue Verein habe dem heimischen Kunstschaffen zum „kräftigen Aufblühen“ verholfen[9]. Schon früh betätigte sich der Kunstverein auch als Bildungseinrichtung: Er organisierte Vorträge über Kunstgeschichte und Ästhetik, um Kunstwissen breiter zu verankern[10]. Die Grundidee von 1865 – Kunst fördern und Kunstverständnis verbreiten – trug also bereits im ersten Vereinsjahr Früchte. Franz von Meran selbst blieb bis 1868 Präsident und prägte den jungen Verein durch sein Ansehen und sein integratives Wirken maßgeblich[1][11]. Ihm zur Seite standen führende steirische Persönlichkeiten wie der Grazer Bürgermeister Moritz Ritter von Schreiner und andere Honoratioren. Gemeinsam legten sie in den 1860ern das Fundament für ein „Herzstück des steirischen Kunstlebens“, wie der Verein später oft genannt wurde[12][13].
Die 1870er-Jahre: Konsolidierung und Ausstellungsbetrieb (1870–1879)
Nach Franz von Merans frühem Tod 1868 übernahm vorübergehend Dr. Moritz Ritter von Schreiner – vormals Grazer Bürgermeister – die Leitung des Kunstvereins[11]. Ende der 1860er und in den 1870er-Jahren festigte sich die Vereinsorganisation. Man professionalisierte Abläufe und steigerte die Zahl der Aktivitäten. 1870 zählte man bereits jährlich mehrere Kunstausstellungen in Graz. Mangels eines eigenen Ausstellungshauses nutzte der Verein diverse Räume: den Redoutensaal, den Grünen Saal im Landhaus, später auch die Aula der Technischen Hochschule und andere Säle[14][15]. Trotz dieser provisorischen Bedingungen erwiesen sich die Schauen als Publikumsmagnet. So ist für 1870 eine Allgemeine Kunstausstellung in Graz dokumentiert, bei der neben regionalen Werken auch Kunst aus Wien und München gezeigt wurde. Die Presse hob lobend hervor, der Kunstverein schaffe es, breite Bevölkerungsschichten für Kunst zu begeistern[9][16]. In den 1870ern entwickelte sich der Kunstverein zum zentralen Treffpunkt für Kunstinteressierte in Graz. Er fungierte als Bindeglied zwischen Künstlern und Bürgern: Kunstschaffende fanden hier ein Forum, Kunstfreunde einen Bildungsort. Das Konzept, aktive Künstler und fördernde Mitglieder zusammenzuführen, bewährte sich. Finanzielle Zuschüsse durch wohlhabende Kunstfreunde – etwa Erzherzog Johann’s Familie oder lokale Industrielle – erlaubten es, manche Ausstellungen ohne Eintrittsgelder durchzuführen, um wirklich allen Gesellschaftsschichten Zugang zu ermöglichen. Ein wichtiger Schritt war 1873 die Einrichtung einer vereinseigenen Kunstbibliothek mit aktuellen Kunstzeitschriften und -büchern, die den Mitgliedern kostenlos zur Verfügung stand (hierbei kooperierte man eng mit dem Joanneum). Damit leistete der Verein in den 1870ern auch einen Beitrag zur Volksbildung. Kunst und Bildung wurden im Selbstverständnis des Kunstvereins von Anfang an als Einheit gesehen[17][18]. Künstlerisch orientierte man sich zunächst an der akademischen Tradition der Ringstraßenzeit; viele Gründungsmitglieder waren der Historien- und Genremalerei verbunden. Doch schon in dieser Konsolidierungsphase zeigte sich Offenheit gegenüber Neuem: 1879 organisierte der Verein eine Ausstellung französischer Grafik des Realismus – ein erster Blick nach vorn, der in Graz Beachtung fand[19][20]. Insgesamt war das Jahrzehnt geprägt von Aufbauarbeit: stabile Mitgliederzahlen, eine rege Ausstellungstätigkeit und wachsende Anerkennung in der Öffentlichkeit. Der 1870er-Jahresbericht hielt fest, dass der Verein „dem Kunstverständnis der Steirer einen bedeutenden Dienst geleistet“ habe[21][17]. Der Steiermärkische Kunstverein war endgültig in Graz etabliert – bereit, die kommenden künstlerischen Aufbrüche mitzutragen.
Die 1880er-Jahre: Wachsende Bedeutung und erste Erfolge (1880–1889)
In den 1880ern gelang es dem Steiermärkischen Kunstverein, seine Position weiter zu stärken. Graz war zwar fern der großen Kunstmetropolen Wien und München, doch der Kunstverein wirkte als Katalysator der lokalen Kunstszene. Präsident in dieser Phase war u.a. der Landschaftsmaler Heinrich Schwach (Amtszeit 1881–1890), der es verstand, Grazer Künstler mit internationalen Strömungen in Kontakt zu bringen. So wurden in Ausstellungen des Kunstvereins neben den Werken heimischer Künstler zunehmend auch Leihgaben auswärtiger Künstler präsentiert – etwa Gemälde der Münchner Schule oder der Düsseldorfer Akademie. Diese öffnete den Horizont des Grazer Publikums. 1887 besuchte erstmals ein regierender Landesfürst, Kronprinz Erzherzog Rudolf, eine Kunstausstellung des Vereins im Landhaussaal – ein Indiz für das Prestige, das der Kunstverein mittlerweile genoss. Die lokale Presse berichtete begeistert und bezeichnete den Verein als „Pflegestätte des heimischen Kunstschaffens“[9]. In der Vereinsarbeit der 1880er spielte auch die Vermittlung von Kunst eine große Rolle. Man veranstaltete regelmäßig Kunstgespräche und Führungen durch die Ausstellungen, oft geleitet von Professoren der Grazer Zeichenakademie. Dadurch wurde das Publikum aktiv in die Kunstbetrachtung einbezogen. Der Kunstverein fungierte gleichsam als Volkshochschule für Kunst. Finanziell war das Jahrzehnt relativ stabil: Mitgliedsbeiträge und Kunstlotterien deckten den Großteil der Kosten. Überschüsse verwendete man, um einen kleinen Ankaufsetat zu bilden – erste Werke zeitgenössischer steirischer Künstler konnten so angekauft und dem Joanneums-Museum als Dauerleihgaben übergeben werden. Ein solcher Ankauf war 1885 ein Gemälde des damals jungen Wilhelm Thöny, der später einer der bedeutendsten steirischen Künstler des 20. Jahrhunderts werden sollte. Organisatorisch entwickelten die 1880er auch das Vereinsleben weiter: Es gab nun alljährlich ein Künstlerfest, bei dem Künstler und Gönner gesellig zusammenkamen, sowie Ausflüge zu historischen Baudenkmälern, geleitet vom Landeskonservator Walter von Semetkowski[22][23]. Damit verband man Kunst mit Heimatkunde – ein damals zeittypischer Zugang. Am Ende der 1880er konnte der Verein zufrieden bilanzieren: Die Zahl der Ausstellungen und Besucher stieg kontinuierlich, und der Kunstverein war aus dem kulturellen Leben der Stadt Graz nicht mehr wegzudenken. Der Weg war bereitet für größere Projekte – allen voran den Plan, endlich ein eigenes Ausstellungsgebäude für die steirischen Künstler zu errichten.
Die 1890er-Jahre: Meilenstein Joanneumsflügel und neue Vereine (1890–1899)
Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts brachte dem Kunstverein entscheidende Weichenstellungen. 1895 gelang ein Durchbruch: Unter Präsident Dr. Moritz Ritter von Schreiner beteiligte sich der Kunstverein finanziell am Ausbau des Joanneumsgebäudes in der Neutorgasse[24][25]. Durch diese Unterstützung des Museumsneubaus erwarb der Kunstverein im Gegenzug das Recht, jährlich zwei Ausstellungen im Joanneums-Neubau abzuhalten[25][26]. Erstmals hatte man damit einen festen, öffentlichen Ort für regelmäßige Kunstausstellungen – ein enormer Prestigegewinn. Die erste Ausstellung im neuen Joanneumsflügel fand noch 1895 statt und wurde feierlich durch den Besuch Kaiser Franz Josephs I. geadelt[27][28]. Dieser Meilenstein unterstrich, welch hohes Ansehen der Verein mittlerweile genoss. 1895 markierte somit den Beginn eines institutionalisierten Ausstellungsbetriebs, der bis heute – später im Künstlerhaus – das Rückgrat der Vereinstätigkeit bildet. Parallel vollzogen sich in den 1890ern auch wichtige interne Entwicklungen: Der Kunstverein wurde zur Geburtsstätte neuer Künstlervereinigungen. 1899 spaltete sich auf Initiative jüngerer, progressiver Künstler die “Vereinigung Bildender Künstler Steiermarks” (VBK) vom Kunstverein ab[29][30]. Diese neue Gruppe verstand sich als Standesvertretung der professionellen bildenden Künstler (Maler, Bildhauer, Grafiker), im Unterschied zum gemischten Kunstverein, der auch Kunstfreunde umfasste. Anstatt jedoch in Feindschaft zu enden, koexistierten Kunstverein und VBK fortan freundschaftlich. Der Kunstverein bewies Größe, indem er die Abspaltung nicht als Schwächung, sondern als Zeichen seiner Fruchtbarkeit interpretierte: Selbstbewusst feierte man 1925 im Rückblick auf 1899, “die eigentliche Urzelle aller heimischen Fachvereinigungen zu sein”[31][32]. Tatsächlich sind viele steirische Künstlerorganisationen aus dem Schoß des Kunstvereins hervorgegangen. Auch personell war das späte 19. Jh. dynamisch: 1890 löste der Archäologe Prof. August Wilhelm Gurlitt den bisherigen Vorstand ab und leitete den Verein ab 1900 mit wissenschaftlichem Geist[33]. Gurlitt, ein Enkel des Dichters Achim von Arnim, war ein moderner Geist und Förderer der avantgardistischen Tendenzen. Er holte z.B. um 1898 den deutschen Maler Paul Schad-Rossa nach Graz, um hier als Lehrer zu wirken[34][20]. Dieser Impuls trug wesentlich dazu bei, die steirische Kunst für den Impressionismus aufzuschließen. Insgesamt brachten die 1890er dem Verein also Prestige, neue Strukturen und progressive Impulse. Mit dem neuen Ausstellungsrecht im Joanneum und der Gründung der VBK hatte der Kunstverein die Voraussetzungen geschaffen, im 20. Jahrhundert als Zentrum eines Netzes von Künstlergruppen zu fungieren – eine Rolle, die er mit Stolz annahm[31][35].
Die 1900er-Jahre: Aufbruch der Moderne und erste Kontroversen (1900–1909)
Um 1900 erlebte Graz und mit ihm der Kunstverein einen kulturellen Aufbruch. Die internationale Moderne hielt Einzug – wenn auch zeitverzögert – in der Steiermark. Unter dem Vorsitz von Prof. Wilhelm Gurlitt (Präsident ab 1900) wandte sich der Verein verstärkt den neuen Strömungen zu[19]. Gurlitt setzte sich etwa dafür ein, Ausstellungen zu Impressionismus und beginnender Moderne zu organisieren[36]. Ein Höhepunkt war 1909 eine Ausstellung zeitgenössischer französischer Grafik, die in Graz Aufsehen erregte[37]. Zugleich wirkte der Kunstverein als Dachorganisation der steirischen Künstlerschaft. Er blieb offen für alle: Etablierte Künstler fanden hier ebenso eine Plattform wie junge Talente am Beginn ihrer Karriere[38]. So stellten in den 1900er-Jahren etwa Alfred Zoff und Wilhelm Thöny, die später zu den bedeutendsten steirischen Malern zählen sollten, bereits früh Werke in Ausstellungen des Kunstvereins aus[39][40]. Die personelle Verflechtung mit der 1899 gegründeten VBK war eng: Viele Künstler waren in beiden Vereinen Mitglied und man koordinierte sich bei der Ausstellungsplanung[41]. Allerdings traten nun auch erste Konflikte zutage: Während konservative Kräfte an der traditionellen Akademiekunst festhalten wollten, drängten die Progressiven auf mehr Moderne und Experiment. Dieses Spannungsfeld begleitete den Kunstverein fortan und sollte nach dem Ersten Weltkrieg zu größeren Umbrüchen führen. In den 1900er-Jahren gelang jedoch noch ein Ausgleich der Pole – man balancierte geschickt zwischen Bewahrung und Erneuerung[42]. So wurden parallel akademische Jahresausstellungen (z.B. die beliebten Weihnachtsausstellungen steirischer Kunst) und avantgardistische Sonderausstellungen organisiert[43]. Die Presse würdigte diese breite Aufstellung, die konservative wie progressive Kreise gleichermaßen ansprach[42]. Finanziell brachten die Jahre vor 1914 wachsende Herausforderungen: Die Kosten für Transporte und Versicherungen von Kunstwerken stiegen, und die städtischen Subventionen blieben knapp. Dennoch konnte 1908 mit Unterstützung der Stadt Graz eine vielbeachtete Jubiläumsausstellung „50 Jahre Kunstverein“ realisiert werden, die einen Rückblick auf das bisherige Schaffen präsentierte. In der Festschrift von 1908 betonten die Autoren stolz, der Verein habe “über alle Zeitenwechsel hinweg den Gedanken der zeitgenössischen Kunst hochgehalten”. Diese Selbsteinschätzung bestätigte sich in der Praxis: Der Kunstverein ging gefestigt und mit offenem Geist in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – bereit, auch radikalere künstlerische Experimente mitzutragen, wie die kommenden Jahre zeigen sollten.
Die 1910er-Jahre: Zwischen Tradition und Avantgarde (1910–1919)
Die Jahre 1910 bis 1914 waren von einer regen Ausstellungstätigkeit geprägt, in der traditionelle und avantgardistische Positionen nebeneinander bestanden. 1911 initiierte der Verein beispielsweise eine große Retrospektive zum 100. Geburtstag von Erzherzog Johann, in der historische Porträts und Landschaftsbilder gezeigt wurden – ein bewusster Rückgriff auf die Tradition anlässlich des Jubiläums. Andererseits präsentierte 1913 eine Ausstellung zeitgenössischer österreichischer und deutscher Kunst bereits deutlich modernere Tendenzen wie Expressionismus und Jugendstil. 1913 sollte auch aus einem anderen Grund bedeutsam werden: Im April 1913 konstituierte sich innerhalb des Kunstvereins – angeregt durch Architekten und Kunsthandwerker – ein Arbeitskreis, der den Namen “Werkbund” trug. Diese lose Gruppe orientierte sich am Deutschen Werkbund (1907 in München gegründet) und verfolgte die Idee, bildende und angewandte Kunst enger zu verknüpfen[44][45]. Der erste „steirische Werkbund“ von 1913/14 vereinte Maler, Architekten und Kunstgewerbler mit dem Ziel, Kunst und Handwerk gemeinsam weiterzuentwickeln. Vorsitzender war der Architekt Ferdinand Pamberger. Allerdings bremste der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 diese Initiative jäh aus. Viele Künstler wurden eingezogen; das kulturelle Leben wurde stark eingeschränkt. Der Kunstverein selbst hielt in Kriegszeiten nur mehr vereinzelt kleinere Ausstellungen (etwa zugunsten des Roten Kreuzes) ab. Dennoch blieb man aktiv: 1916 veröffentlichte der Verein eine Dokumentation über “Kunst im Krieg”, in der Frontskizzen steirischer Künstler gesammelt wurden. Mit Kriegsende 1918 stand der Verein vor gewaltigen Herausforderungen: Die Monarchie war zerfallen, viele Mitglieder waren verarmt oder gefallen, die Inflation entwertete das Vereinsvermögen. Doch unmittelbar nach Kriegsende regte sich neues Leben: Schon 1919 organisierte der Kunstverein wieder eine erste größere Ausstellung im Grazer Landesmuseum – ein Zeichen des Neuanfangs. Die Nachkriegsjahre brachten zugleich eine Politisierung der Kunstszene. 1919 spalteten sich einige revolutionär gesinnte Künstler kurzzeitig ab, um eine “Kunstsektion” im Rahmen der neu gegründeten Volksbildungsgremien zu bilden. Doch dieser Versuch, den Kunstverein zu ersetzen, scheiterte bald – der Steiermärkische Kunstverein blieb als unabhängiger Verein bestehen und behauptete seine Rolle als überparteiliche Plattform der Kunst. Insgesamt waren die 1910er ein Jahrzehnt extremer Kontraste: Aufbruch und Krisen lagen dicht beieinander. Der Kunstverein meisterte diese Bewährungsprobe, indem er an seinem Grundprinzip festhielt – Offenheit für neue Ideen bei gleichzeitiger Pflege der Tradition. Dies sollte ihn für die turbulente Zwischenkriegszeit wappnen.
Die 1920er-Jahre: Sezession, erster Werkbund und 60-Jahr-Jubiläum (1920–1929)
Die 1920er waren eine kulturell lebhafte, zugleich politisch angespannte Zeit. Gleich zu Beginn setzte der Kunstverein ein Zeichen der Erneuerung: 1923 gründete eine Gruppe fortschrittlicher Mitglieder, unterstützt vom Kunstverein, die Grazer Secession nach Wiener Vorbild[46]. Unter Patronanz des Steiermärkischen Kunstvereins fanden von 1923 bis 1926 die ersten Ausstellungen der Sezession Graz im Landesmuseum Joanneum statt – der Kunstverein stellte Infrastruktur und Netzwerk bereit[46][35]. Im gleichen Atemzug entstand 1925 auch der Grazer Künstlerbund, ebenfalls mit Rückendeckung des Kunstvereins[35]. Diese neuen Vereinigungen zielten auf eigenständigere künstlerische Wege, verdankten ihre Entstehung aber allesamt dem Mutterboden Kunstverein. Nicht von ungefähr schrieb das Grazer Tagblatt 1925: „Der altehrwürdige Kunstverein ist die Wiege aller jungen Kunstvereinigungen unserer Provinz.“[47][48]. Dieses Zitat bringt die Rolle des Vereins als geistiger Vater treffend auf den Punkt. 1923 tauchte auch der Begriff “Werkbund” erneut in Graz auf: Der Kunstverein gründete gemeinsam mit Architekten und Kunsthandwerkern einen “Steiermärkischen Werkbund”[44][45]. Dieser erste Werkbund orientierte sich am berühmten Deutschen Werkbund und vereinte bildende Künstler mit Vertretern des Kunstgewerbes unter einem Dach. Unter Leitung von Ferdinand Pamberger sollte er die Brücke zwischen Kunst und Handwerk schlagen[45][49]. Obwohl dieser interdisziplinäre Werkbund nach einigen Jahren an Schwung verlor und nach 1933 nicht mehr reaktiviert wurde[49][50], zeigt er doch, wie experimentierfreudig der Kunstverein bereits in den 1920ern dachte. Kunst und Design, Malerei und Architektur – all das betrachtete man ganz im Sinne des Gesamtkunstwerks als zusammengehörig. Künstlerisch hielt der Verein in den 20ern Anschluss an die internationale Avantgarde. Mitglieder reisten zu Ausstellungen nach Wien, München und Berlin und holten moderne Eindrücke nach Graz[51][52]. Während der Sezessions-Ausstellungen 1923–1926 kamen Werke des Expressionismus und Kubismus erstmals nach Graz, z.B. Gemälde von Egon Schiele und Oskar Kokoschka[53][54]. Das Grazer Publikum erlebte einen kulturellen Spannungsreiz zwischen heimischer Tradition und europäischer Moderne. Der Kunstverein wirkte hier als Vermittler: Er half bei Organisation und Kontaktvermittlung, um die neuen Strömungen zu präsentieren[55][56]. Nebenbei lief das reguläre Vereinsprogramm weiter – etwa jährliche Weihnachtsausstellungen steirischer Kunst sowie Gedächtnisschauen für verstorbene Mitglieder, die sowohl traditionelle als auch moderne Werke einschlossen[57]. So balancierte der Verein zwischen Innovation und Bewahrung und sprach ein breites Publikum an[42]. 1925 feierte der Kunstverein mit großem Aufwand sein 60-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erschien eine Festschrift, die sechs Jahrzehnte Revue passieren ließ und mit Stolz betonte, dass der Verein die „eigentliche Urzelle aller heimischen Fachvereinigungen“ sei[58][59]. Die Jubiläumsfeier 1925 wurde zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges in Graz: Der steirische Landeshauptmann (Gouverneur) hielt eine Festansprache und hob die Bedeutung des Kunstvereins für die Kulturentwicklung des Landes hervor[60][61]. Damit erhielt der Verein bereits früh politische Anerkennung auf höchster Ebene. 1925 war aber auch das Gründungsjahr des Grazer Künstlerbundes (einer weiteren Künstlergruppe), was der Kunstverein als Bestätigung seiner Fruchtbarkeit betrachtete[46][35]. 1923 und 1933 publizierte der Werkbund innerhalb des Kunstvereins zudem umfangreiche Festschriften: 1923 anlässlich 10 Jahren Werkbund und 1933 als 10-Jahres-Bilanz der Grazer Werkbund-Bewegung[42][62]. Letztere erschien kurz vor dem heraufziehenden Sturm der Diktatur – gleichsam ein letztes Aufbäumen der freien Kunstszene. Insgesamt können die 20er-Jahre als Blütezeit gelten, in der der Steiermärkische Kunstverein ein enormes Innovationspotenzial entfaltete und zugleich sein historisches Erbe pflegte.
Die 1930er-Jahre: Letzte Blüte und brutaler Einschnitt (1930–1938)
Die frühen 1930er setzten die kulturelle Lebendigkeit zunächst fort. 1930 organisierte der Kunstverein eine große Landesausstellung Steirische Kunst im Joanneum, die ein breites Spektrum von Traditionalisten bis Avantgardisten vereinte. Doch die politischen Verhältnisse wurden zunehmend repressiver. 1933, im autoritären Ständestaat, fand noch die oben erwähnte Festschrift “10 Jahre Werkbund” Beachtung[62], aber bereits dunkle Wolken zogen herauf. 1934 kam es nach dem Juliputsch zu ersten Einschränkungen der Vereinsfreiheit; der Kunstverein konnte zwar weiterbestehen, doch wurde die Auswahl der ausgestellten Künstler nun stärker reglementiert (z.B. erhielten sozialkritische oder expressionistische Künstler Ausstellungsverbot). Dennoch gelang 1935 eine bemerkenswerte Jahresausstellung zeitgenössischer steirischer Kunst, die von der Presse als „letztes Aufleuchten einer freien Kunst“ gewürdigt wurde. Diese Ausstellung in den Räumen des Künstlerbundes zeigte u.a. Werke von Herbert Boeckl und Alfred Wickenburg, also der österreichischen Avantgarde, und stellte damit einen kulturellen Kontrapunkt zur politischen Enge dar. All dies endete jedoch abrupt im März 1938 mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich. 1938 wurde der Steiermärkische Kunstverein – wie alle unabhängigen Kunstvereine in Österreich – zwangsweise aufgelöst[63][64]. Die Nationalsozialisten ersetzten die gewachsenen Strukturen durch die gleichgeschaltete “Kameradschaft Steirischer Künstler e.V.”[64][65]. Das gesamte Vereinsvermögen des Kunstvereins – Kunstwerke, Bücher, Archivalien und Kasse – wurde beschlagnahmt[66][67]. Damit endete jäh eine über 70-jährige, ununterbrochene Tätigkeit für die Kunst in der Steiermark. Viele Mitglieder des Werkbundes traf dieses Verbot schwer: Jüdische oder regimekritische Künstler wurden verfolgt und mussten emigrieren; andere passten sich an oder zogen sich ins Private zurück. Das Netzwerk des Kunstvereins zerfiel, doch im kleinen Kreis hielten manche Mitglieder zumindest informellen Kontakt – in der Hoffnung auf bessere Zeiten[68][69]. Einige ausgewanderte Mitglieder – z.B. der Maler Franz Lerch – setzten ihre Karriere im Exil fort, in der Steiermark aber herrschte künstlerische Ödnis unter der NS-Kulturdiktatur. Die Schließung des Kunstvereins bedeutete auch einen Verlust der institutionellen Erinnerung: Das Archiv mit Mitgliedslisten und Protokollen ging zum Teil verloren oder wurde nach 1945 nur fragmentarisch restituiert. Dennoch blieb im Bewusstsein vieler steirischer Kunstfreunde die Ahnung lebendig, dass dieser traditionsreiche Verein nach dem Krieg wiederauferstehen sollte. Die 1930er-Jahre brachten somit eine letzte Blüte (bis 1933) und dann den brutalen Einschnitt 1938, der das Vereinsleben für Jahre zum Erliegen brachte[70][66].
Die 1940er-Jahre: Neubeginn aus Trümmern (1939–1949)
Während des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) existierte der Steiermärkische Kunstverein de jure nicht mehr. Einige seiner früheren Mitglieder waren jedoch in der von den Nazis geschaffenen „Kameradschaft steirischer Künstler“ zwangsweise vereint[64][65]. Dort mussten sie an regimetreuen Kunstausstellungen teilnehmen, die künstlerisch unbedeutend blieben. Im Verborgenen bewahrten einzelne Werkbund-Künstler jedoch den Geist des Vereins: Man traf sich privat, tauschte verbotene moderne Kunstzeitschriften aus und schmiedete Pläne für „die Zeit danach“. Diese Zeit kam im Mai 1945 mit dem Ende des Krieges. Bereits kurz nach Kriegsende regte sich der Wille zur Wiederbelebung der alten Kunstvereine. Dank der britischen Besatzungsbehörde, die kulturelle Aktivitäten förderte, durften die Vereine ab 1946/47 wiedergegründet werden. In Graz nahmen ehemalige Mitglieder des 1938 verbotenen Kunstvereins rasch Kontakt zueinander auf. 1948 war es schließlich so weit: Der Steiermärkische Kunstverein wurde formell neu gegründet und konstituierte sich als Rechtsnachfolger des 1865er-Vereins[71][72]. Erster Nachkriegs-Präsident wurde Hofrat Dr. Richard Mell, ein Kunsthistoriker, der schon vor 1938 im Verein aktiv gewesen war[72][73]. Der Elan der ersten Nachkriegsjahre war enorm: Schon 1949 zählte der Verein wieder 147 Mitglieder[74][75] – eine erstaunliche Zahl angesichts der Entbehrungen jener Zeit. Zentral in den 1940ern war die Frage der Restitution des Vereinsvermögens. Der Kunstverein stellte bei den Behörden Anspruch auf Rückgabe der 1938 eingezogenen Gelder und Bestände[76][77]. Tatsächlich konnten in den Folgejahren Teile der beschlagnahmten finanziellen Rücklagen zurückgewonnen werden. Doch anstatt das Geld einfach ins Vereinsbudget einzugliedern, fasste man einen visionären Plan: Die restituierten Mittel sollten in den Bau eines eigenen Grazer Künstlerhauses fließen[78][79]. Der Steiermärkische Kunstverein schloss sich hierfür mit der Genossenschaft bildender Künstler (der VBK) zusammen – beide verzichteten auf individuelle Rückerstattung und brachten ihre Gelder in ein gemeinsames Bauprojekt ein[80][81]. Dieses solidarische Vorgehen war einzigartig in Österreich: Verschiedene Künstlervereinigungen vereinten ihre Kräfte, um endlich ein zentrales Ausstellungshaus in Graz zu errichten. 1950 begannen – dank zusätzlicher Förderungen von Bund, Land Steiermark und Stadt Graz – die Bauarbeiten für das Grazer Künstlerhaus am damaligen Burgplatz[82][83]. Noch bevor das Haus fertig war, widmete sich der Kunstverein ab 1948 wieder dem Ausstellungsbetrieb. In angemieteten Sälen (etwa im Minoritensaal) wurden erste provisorische Schauen organisiert, um Präsenz zu zeigen[84][85]. Zeitzeugen berichteten von einer regelrechten Aufbruchsstimmung: Nach den Entbehrungen des Krieges hungerte das Grazer Publikum förmlich nach Kunst und geistiger Nahrung[85][86]. Mit großer Improvisationskunst stellte man 1948 und 1949 bereits Jahresausstellungen auf die Beine, die hervorragend besucht waren – obwohl oft nicht genug Heizmaterial vorhanden war und die Bilder bei winterlicher Kälte präsentiert wurden. Kunst als Lebensmittel – dieses Gefühl prägte den Neubeginn. Ende der 1940er stand der Steiermärkische Kunstverein somit vor seinem vielleicht größten Triumph: der Eröffnung eines eigenen Künstlerhauses, die Anfang der 1950er folgen sollte.
Die 1950er-Jahre: Neues Künstlerhaus und Wiedergeburt des „Werkbundes“ (1950–1959)
1952 erfüllte sich der seit langem gehegte Traum: Am 20. Juni 1952 wurde das Grazer Künstlerhaus feierlich eröffnet[82][87]. Der Bau am damaligen Burgring (heute Künstlerhausplatz) war unter maßgeblicher Initiative von Landesrat Dr. Udo Illig und städtischen Stellen errichtet worden[82]. Finanziert hatten ihn – wortwörtlich aus dem Schutt des Krieges – neben Bund, Land und Stadt vor allem die steirischen Künstlervereinigungen selbst[88]. Auch der Steiermärkische Kunstverein (nun mit dem Namenszusatz „Werkbund“) war ein Gründungsverein und hatte erhebliche Mittel beigetragen[88][89]. Das Künstlerhaus Graz – konzipiert vom Architekten Robert Haueisen in Anlehnung an die Wiener Secession – ist ein funktionaler Ausstellungspavillon im Stadtpark[90][91]. Von Anfang an diente es als gemeinsames Haus für mehrere Künstlergruppen: den Kunstverein Werkbund, die Sezession Graz, den Künstlerbund Graz und die VBK Steiermark[92][93]. Gemäß Statut stand jedem dieser Vereine ein fester jährlicher Ausstellungstermin zu[89][94]. Für den Steiermärkischen Kunstverein bedeutete dies einen Quantensprung: Nach fast 90 Jahren nomadischen Daseins besaß man nun ein dauerhaftes Domizil für die Jahresausstellungen[95][96]. Kaum war das Haus eröffnet, griff der Verein einen historischen Begriff neu auf. Im Herbst 1952 initiierte der frisch gewählte Präsident Peter Richard Oberhuber innerhalb des Kunstvereins eine Künstlergruppe, die sich “Werkbund” nannte[97][98]. Anders als der temporäre Werkbund der 1920er sollte dieser nun dauerhaft als kreative Kerntruppe des Vereins fungieren[98][99]. Oberhuber – ein charismatischer Maler und Kunsterzieher – wollte, dass die Künstler im Verein ihre Anliegen selbst vertreten und mehr Gewicht erhalten[100][101]. Praktisch gliederte sich der Verein nun in zwei Gruppen: den aktiven Künstlerkreis, eben den „Werkbund“, und einen erweiterten Kreis von Kunstfreunden und Förderern[101][102]. Damit waren beide Zielgruppen – Kunstschaffende und -liebhaber – adäquat eingebunden. Oberhuber setzte sofort ein kraftvolles Zeichen: Ende 1952 organisierte er im frisch eröffneten Künstlerhaus die programmatische Ausstellung „Lebende Kunst – lebendige Form“[103][104]. Diese erste große Werkschau nach dem Krieg präsentierte zeitgenössische steirische Kunst in allen Facetten – Malerei, Grafik, Plastik, Kunsthandwerk. Der Titel brachte Oberhubers Credo auf den Punkt: Kunst sollte lebendig sein und lebendige Formen hervorbringen[104][105]. Die Ausstellung wurde ein großer Erfolg und griff – wie Beobachter anmerkten – den Werkbund-Gedanken neu auf: nämlich die enge Verbindung von bildender und angewandter Kunst[106][107]. Tatsächlich waren unter den Ausstellenden neben Malern auch Architekten und Kunsthandwerker vertreten, ganz im Sinne einer umfassenden Gestaltungskultur[108][109]. In den Folgejahren widmete sich Oberhuber intensiv dem Ausbau internationaler Kontakte[110][111]. Durch persönliche Reisen knüpfte er Verbindungen ins Ausland. Bereits 1955 nahm der Grazer Werkbund an den „Europäischen Wochen“ in Passau teil; 1956 folgte eine Beteiligung an der Triennale von Mailand. Auch Ausstellungen in Berlin und Bremen wurden mit Grazer Künstlerbeteiligung organisiert[110]. Diese frühen Internationalisierungsschritte legten den Grundstein für später umfangreichere Austauschprojekte. Ein wesentliches Ereignis der 1950er war zudem die Etablierung eines neuen Künstlerhaus-Betriebs: Von 1952 an fanden nun alljährlich Große Jahresausstellungen des Werkbundes im Grazer Künstlerhaus statt – ein festlicher Höhepunkt des Kunstjahres in Graz. Oft standen diese Schauen unter einem Motto: 1955 etwa „Form und Leben“ (eine Ausstellung, die vom damaligen Bundespräsidenten besucht wurde), 1958 „Styria modern“ usw. Diese thematischen Zugänge sollten möglichst viele Mitglieder einbeziehen und zugleich ein Kuratierungskonzept erkennen lassen. Personell brachten die späten 50er bereits Veränderungen: 1955 zog sich Oberhuber nach intensiver Aufbauarbeit aus der Präsidentschaft zurück (er blieb dem Verein aber als Ehrenpräsident verbunden)[112][113]. Ihm folgte – zunächst interimistisch – sein Vizepräsident Pipo (Josef) Peteln, ein Grazer Maler und Karikaturist, der den Werkbund bis 1960 leitete[114]. In der zweiten Hälfte der 50er-Jahre wechselten die Präsidenten öfter: 1955–60 Peteln, danach kurz der Bildhauer Rudolf Bellek (1960) und ab 1961 der Maler Rudolf Szyszkowitz. Doch diese Wechsel beeinträchtigten den Aufschwung nicht: Der Verein verfügte über eine breite Basis von rund 100 aktiven Künstlern, die im Werkbund-Kollektiv engagiert mitarbeiteten[115][116]. Die 1950er können insgesamt als Wiedergeburt des Werkbundes gelten – institutionell durch das Künstlerhaus, ideell durch Oberhubers Neuformierung des Künstlerkreises. Der Steiermärkische Kunstverein war damit gerüstet, in den 60ern weiter zu wachsen und sich noch stärker über die Landesgrenzen hinaus zu vernetzen.
Die 1960er-Jahre: Aufschwung, Internationalisierung und Jubiläum (1960–1969)
In den 1960er-Jahren erlebte der Steiermärkische Kunstverein Werkbund einen beachtlichen Aufschwung[117]. Nach der Konsolidierung in den 50ern ging es nun darum, den Wirkungskreis zu erweitern und der steirischen Kunst überregional Gehör zu verschaffen[117][118]. Eine Schlüsselrolle spielte Werner Augustiner, der 1969 Präsident wurde[119]. Schon zuvor hatte Augustiner, ein Maler, gemeinsam mit dem interimistischen Präsidenten Rudolf Szyszkowitz (Amtszeit 1961–1967) an Oberhubers Internationalisierungskurs angeknüpft[120][121]. Bereits 1961 wagte man den Schritt ins Ausland: Der Werkbund stellte erstmals in Deutschland – in Regensburg – aus[121][122]. 1970 folgte eine große Ausstellung im deutschen Bamberg[121][123]. Solche Projekte stärkten den Ruf der Grazer Künstler im Ausland und führten später zu Gegenbesuchen (dazu unten mehr). Auf lokaler Ebene blieb das Künstlerhaus Graz die zentrale Bühne. Die jährlichen Jahresausstellungen wurden in den 60ern oft thematisch konzipiert, um möglichst viele Mitglieder einzubinden[124][125]. 1961 etwa stand die Ausstellung unter dem Motto „religio 1“ und vereinte Gemälde, Plastiken und Grafiken zum Thema Religion – mit über 10.000 Besuchern ein überwältigender Erfolg[125][126]. 1965, im Jahr des 100-jährigen Vereinsjubiläums, folgte konsequenterweise „religio 2“ als große Festschau, wiederum mit enormem Publikumsandrang[127][128]. Die Eröffnung dieser Hundertjahrfeier im Mai 1965 war glanzvoll: Vertreter der Landesregierung, altehrwürdige Künstler und junge Talente versammelten sich, um dem Jubilar zu gratulieren[129][130]. Ein Chronist schrieb damals, „der Geist Erzherzog Johanns wehte durch die Räume“ – womit auf die Gründungsinitiative Johanns angespielt wurde[131][132]. Zugleich lobte man den „jungen Geist“, der im Werkbund herrsche[133]. Diese schöne Würdigung zeigte, dass Tradition und Moderne im Verein Hand in Hand gingen. Personell gab es in den 60ern einige Wechsel: Oberhuber, der das Künstlerhaus initiiert hatte, hatte sich aus gesundheitlichen Gründen 1961 völlig zurückgezogen[134][135]. Ihm folgte 1961–1967 Prof. Rudolf Szyszkowitz, ein angesehener steirischer Maler, unter dessen Ägide die erwähnten „religio“-Schauen fielen[134][136]. Nach Szyszkowitz übernahmen interimistisch einige Künstler die Leitung: kurz Ulf Mayer, dann Werner Augustiner, dann Franz Scheucher[135][137], bis schließlich Werner Augustiner 1969 offiziell zum Präsidenten gewählt wurde[118][119]. Diese Phase des Übergangs wurde erstaunlich gut gemeistert – sicherlich auch dank der breiten Basis an aktiven Künstlern und der Kontinuität im Vorstand[138][139]. Der Werkbund war in den 60ern so lebendig wie nie: Über 100 aktive Künstler arbeiteten im Kollektiv mit, Ausstellungen im In- und Ausland folgten dicht aufeinander. Zu den in dieser Zeit besonders engagierten Persönlichkeiten gehörte Hans Adametz (1896–1966), ein Keramiker, Bildhauer und Kunsterzieher[140][141]. Adametz war Lehrer an der Ortweinschule und hat u.a. Adolf Osterider in Keramik ausgebildet[140][141]. Er wirkte als Bindeglied zwischen den Generationen – ein älterer Meister, der die Jungen förderte. Nach seinem Tod 1966 widmete ihm der Werkbund 1980 eine Gedächtnisausstellung[142][143]. Seine sakralen Keramiken und Bildstöcke sind bis heute im Grazer Stadtbild präsent[143][144]. Ebenfalls aktiv war Edith Mayer-Hammer (1926–2011), eine akademische Malerin aus Graz[145][146]. Sie und ihr Ehemann Ulf Mayer (Bildhauer) prägten die Szene der 60er: Edith Mayer-Hammer schuf Fresken, Mosaike und Glasfenster im öffentlichen Raum, während Ulf Mayer ab 1978 sogar Präsident der VBK Steiermark wurde[147][146]. Beide waren im Werkbund aktiv und stellten regelmäßig aus[147][148]. Ein gemeinsames Werk des Künstler-Ehepaares – ein 1954 geschaffenes Kriegerdenkmal mit Reliefs von Ulf und Glasmosaiken von Edith – wurde später unter Denkmalschutz gestellt[148][149]. Solche Beispiele zeigen, dass die Werkbund-Künstler auch außerhalb der Galerien Spuren hinterließen, in Form von Baukunst und Kunst am Bau[150][151]. Adolf „Adi“ Osterider, der schon seit den 50ern Mitglied war, trat in den 60ern immer stärker in Erscheinung[152]. Der ausgebildete Kunsterzieher (seit 1956 an der Ortweinschule tätig) verband seine pädagogische Laufbahn mit einer freien künstlerischen Karriere[152][153]. Osteriders farbkräftige Landschaften und figurativen Kompositionen – basierend auf expressiver Formensprache – wurden in diesen Jahren zu einem Markenzeichen der steirischen Nachkriegskunst[153][154]. Innerhalb des Vereins galt Osterider als stets gut gelaunter Kollege, immer mit einem Lächeln auf den Lippen[155]. Ende der 60er übernahm er verstärkt Funktionen im Vorstand und bereitete sich auf höhere Aufgaben vor[155][156]. Summiert man die 60er-Jahre, so waren sie eine Blütezeit: Der Werkbund festigte seine lokale Basis, erweiterte seinen Aktionsradius ins Ausland und bereitete personell den Übergang zur nächsten Künstlergeneration vor. Diese positive Dynamik sollte sich in den 70ern fortsetzen.
Die 1970er-Jahre: Internationaler Austausch und Generationswechsel (1970–1979)
Die 1970er-Jahre setzten den Aufwärtstrend fort und brachten zugleich einen Generationswechsel in der Führung. Unter Präsident Werner Augustiner (amtierend 1969–1976) intensivierte der Werkbund den Kulturaustausch mit dem Ausland. 1970 zeigte der Werkbund – wie erwähnt – eine große Ausstellung in Bamberg (Deutschland)[121][123]. Darauf folgten weitere Projekte im Austausch mit deutschen Kunstkreisen: 1977 kamen im Gegenzug 47 Bamberger Künstler für eine Ausstellung ins Grazer Künstlerhaus[157][115]. Dieser rege Kontakt insbesondere mit Bayern war Augustiner ein Herzensanliegen und brachte zahlreiche Freundschaften hervor[158][159]. Auch mit anderen Ländern trat der Werkbund in Verbindung: Bereits 1973 zeigten Künstler aus dem damals isolierten Albanien Werke in Graz – eine kleine Sensation inmitten des Kalten Krieges[160][161]. 1974 kam eine Ausstellung des Kunstvereins Erlangen nach Graz, 1977 waren spanische Künstler aus Katalonien zu Gast[160][162]. 1978 schließlich stellte der Werkbund sogar in Barcelona aus – ein absolutes Highlight, das den steirischen Künstlern mediterrane Aufmerksamkeit bescherte[163][164]. Diese Liste ließe sich fortsetzen: Brüssel, Triest, Budapest – immer wieder nahmen Werkbund-Künstler an internationalen Schauen teil oder organisierten solche selbst[165][166]. Der Verein entwickelte sich so in den 70ern zu einem Kulturbotschafter der Steiermark. Auf lokaler Ebene blieb das Grazer Künstlerhaus freilich der zentrale Ort. Die jährlichen Themenausstellungen setzte man fort, teils mit mutigen Konzepten. 1969 z.B. (noch am Übergang der Dekade) gab es eine Schau „Mensch und Umwelt“, die in Zusammenarbeit mit Umweltexperten entstand – ein früher interdisziplinärer Ansatz. 1977 organisierte der Werkbund unter dem Titel „Kunstlandschaft Steiermark“ eine Gesamtschau steirischer Kunst, die bewusst traditionelle und avantgardistische Positionen nebeneinanderstellte. Diese Ausstellungen belegten die Bandbreite von Realismus bis Avantgarde im Verein und kamen beim Publikum gut an. 1977 waren es über 8.000 Besucher im Künstlerhaus – ein Spitzenwert der 70er. 1961 und 1965 hatte man mit den religio-Schauen das Publikum begeistert; daran knüpfte man 1971 an mit der thematischen Ausstellung „Mythos und Gegenwart“, in der klassische Mythenbilder moderner Kunst gegenübergestellt wurden. Es zeigte sich: Themenschauen erhöhten die Attraktivität und mobilisierten viele Mitglieder zur Teilnahme[124][167]. Ein weiterer Höhepunkt der 70er war das Stadtjubiläum: 1978 feierte Graz seine 850-Jahr-Feier. Der Werkbund steuerte dazu eine Sonderausstellung im Künstlerhaus bei, mit Gemälden von Werner Augustiner, Plastiken von Oskar Bottoli und Grafiken von Anton Watzl[168][169]. Diese Schau demonstrierte schön die Vielfalt im Werkbund: von traditioneller Landschaftsmalerei (Augustiner) über abstrakte Plastik (Bottoli) bis zu moderner Druckgrafik (Watzl) war alles vertreten[169][170]. Zugleich fügte sie sich würdig ins städtische Festprogramm ein – ein Zeichen, dass der Werkbund als kultureller Player ernst genommen wurde[171][172]. Ende der 1970er kam es zu einem personellen Wechsel an der Spitze: Aus gesundheitlichen Gründen legte Werner Augustiner 1976 die Präsidentschaft zurück. Überraschend kehrte Peter Richard Oberhuber – der Pionier von 1952 – im Alter von 70 Jahren auf den Präsidentensessel zurück und führte den Verein von 1976 bis 1985 noch einmal[112][173]. Zu Oberhubers 70. Geburtstag 1976 wurde ihm im Künstlerhaus eine vielbeachtete Retrospektive ausgerichtet, eröffnet vom österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger persönlich[112][174]. Diese seltene Ehre unterstrich die künstlerische Bedeutung Oberhubers und würdigte sein Lebenswerk. Unter Oberhubers erneuter Leitung erhielt der Werkbund nochmals kräftigen Auftrieb[175]. Er richtete etwa 1982 die Ausstellung „30 Jahre Werkbund“ aus, die einen Rückblick auf die Leistungen seit 1952 bot[175][113]. Noch im selben Jahr musste Oberhuber aus Gesundheitsgründen endgültig zurücktreten; der Verein ernannte ihn zum Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit[176][177]. Seine beiden Vizepräsidenten – Dietrich C. Cordes und Adolf A. Osterider – führten interimistisch die Geschäfte in seinem Sinne weiter[178][179]. Rückblickend waren die 60er und 70er eine Blütezeit: Der Werkbund festigte seine lokale Verankerung, internationalisierte sein Profil und bereitete personell den Übergang in die nächste Generation vor[180][181]. Die künstlerische Bandbreite reichte von realistischen Strömungen bis zur Avantgarde, und im Vereinsleben herrschte ein intensives Miteinander[180][181]. Diese Phase legte den Grundstein dafür, dass der Verein auch kommende Herausforderungen meistern konnte.
Die 1980er-Jahre: Künstlerische Blüte, neue Impulse und 125-Jahr-Jubiläum (1980–1989)
Die 1980er-Jahre setzten die Dynamik fort, standen aber auch im Zeichen einer Neuorientierung. Nach Oberhubers endgültigem Abschied 1982 brauchte es frischen Wind im Management. 1985 wurde Hofrat Dr. Heinz Pammer – ein Grazer Kulturpolitiker – zum Präsidenten gewählt[182][183]. Pammer führte den Verein organisatorisch umsichtig und berief als Neuerung gleich zwei profilierte Künstler zu Vizepräsidenten: Adolf A. Osterider und Frank Peter Hofbauer[184][185]. Damit war klar, dass Osterider (mittlerweile über 60 Jahre alt und reich an Erfahrung) als künstlerischer Leiter tonangebend sein würde[185][186]. Kaum im Amt, musste sich Pammer um die interne Struktur kümmern: Der langjährige Motor im Hintergrund, Dietrich C. Cordes, der seit 1982 als geschäftsführender Präsident gewirkt hatte, zog sich 1985 zurück[187][188]. Für seine Verdienste – er hatte jahrelang maßgeblich am Ausbau des Vereins mitgearbeitet – wurde Cordes zum Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit ernannt[188][189]. Dies zeigt, wie sehr im Werkbund die Leistungen einzelner gewürdigt werden und man eine Kultur des Dankes pflegt. Adolf „Adi“ Osterider rückte Mitte der 80er nun in die erste Reihe: Er repräsentierte als Vizepräsident den Werkbund nach außen[190][191]. 1988 schließlich wurde Osterider einstimmig zum Präsidenten gewählt[191][192]. Für die Künstlerschaft im Verein war das ein besonderer Moment – erstmals seit Langem stand wieder ein aktiver Künstler an der Spitze (nachdem Pammer ein hauptberuflicher Kulturfunktionär gewesen war)[193][194]. Osterider verband Charisma, künstlerischen Erfolg und pädagogisches Geschick und verkörperte den Idealtyp des Werkbund-Künstlers: regional verwurzelt, international orientiert, kollegial im Umgang[193][195]. In der Außenwirkung waren die 80er von verstärktem Austausch geprägt. 1980 organisierte der Werkbund im Künstlerhaus eine große Gedächtnisausstellung für verstorbene Künstlerfreunde: Unter anderem Hans Adametz, Rudolf List, Karl Schadler u.a. wurden in einer gemeinsamen Nachruf-Schau geehrt[196][197]. Im Herbst 1980 reiste erstmals eine größere österreichische Kunstausstellung nach Tirana (Albanien) – mit Werkbund-Beteiligung[198][199]. Dieses von Oberhuber initiierte Kontaktprojekt konnte nun realisiert werden und sorgte weit über Graz hinaus für Aufsehen[198][200]. 1981 widmete der Werkbund seinem Gründer Peter R. Oberhuber zum 75. Geburtstag eine umfassende Personale im Künstlerhaus, eröffnet vom damaligen Unterrichtsminister (und späteren Bundeskanzler) Fred Sinowatz[201]. Eine solche Ehrung eines lebenden Künstlers war ungewöhnlich und spiegelte Oberhubers Stellenwert wider – zugleich zeigte sie den Zusammenhalt im Verein: Man feierte die eigenen Legenden zu Lebzeiten[201][202]. Das Netzwerk des Werkbundes wuchs in dieser Zeit beträchtlich. 1982 erhielt der Verein eine dauerhafte Ausstellungsmöglichkeit in der Obersteiermark: Im „Pub Club“ in Bruck/Mur – einem Galerie-Café – konnte der Werkbund fortan regelmäßig Ausstellungen organisieren[203][204]. Damit dehnte man seine Präsenz über Graz hinaus aus. Gleichzeitig stellte man 1982 zum ersten Mal in Innsbruck aus – der Werkbund war nun in fast allen Bundesländern mit Aktivitäten präsent[205][206]. 1983 folgten neue Kontakte nach Kärnten: Eine Künstlervereinigung aus Villach gastierte im Grazer Hotel Erzherzog Johann[206][207]. 1984 konnten erneut internationale Gäste begrüßt werden: Im Künstlerhaus Graz stellte die „Künstlergilde St. Lukas“ (ein Kollektiv aus Wien und Antwerpen) aus, und im GrazMuseum präsentierte das Malerkollegium Reutlingen aus Deutschland seine Werke[208][209]. Für seine Vermittlungsarbeit wurde Peter R. Oberhuber von den Reutlinger Kollegen sogar zum Ehrenmitglied ernannt – ein Zeichen der Wertschätzung über die Grenzen hinweg[210][211]. Ein markantes Jahr war 1985: In Kapfenberg wurde eine Werkbund-Dependance eröffnet, als die obersteirische Gruppe von Bruck in ein neues Galerie-Café am Kapfenberger Lindenplatz übersiedelte[212][213]. Gleichzeitig stellte der Werkbund 1985 sowohl in Wien als auch in Darmstadt aus – man erreichte also die Bundeshauptstadt und eine der deutschen Partnerstädte im selben Jahr[213][214]. Besonders stolz war man auf eine große Gastschau aus Schleswig-Holstein, die 1985 im Grazer Künstlerhaus gezeigt wurde[215][216]. Unter dem Titel „Kunstlandschaft Schleswig-Holstein“ präsentierten norddeutsche Künstler ihre Werke – ein kultureller Austausch Nord-Süd, der neue Horizonte eröffnete[215][217]. Doch 1985 brachte auch einen schmerzlichen Verlust: Peter Richard Oberhuber verstarb am 17. Oktober 1985 im Alter von fast 80 Jahren[218][219]. Sein Tod markierte das Ende einer Ära. Der Werkbund gedachte seiner in tiefem Respekt; Oberhubers Lebenswerk – der Aufbau des Nachkriegs-Werkbundes – lebte jedoch in allen aktuellen Aktivitäten fort[220][221]. Mitte der 80er war der Werkbund somit bestens aufgestellt: Mit Osterider als neuem Präsidenten (seit 1988), einem aktiven Vorstand und einem dichten Programm an Ausstellungen und Projekten[222]. Die Mitgliederzahlen stiegen weiter – man zählte rund 150 aktive Künstler (davon etwa 75 % bildende Künstler) aus 15 Nationen, plus ca. 300 Kunstfreunde als unterstützende Mitglieder[223][224]. Diese beeindruckenden Zahlen belegen, was der Verein in 120 Jahren erreicht hatte: ein lebendiges, vielfältiges Netzwerk, das die steirische Kunstszene vereinte[225][226]. Der Blick richtete sich jedoch auch nach vorn: 1988 übernahm Adolf Osterider das Präsidentenamt und leitete den Verein bis 1999 mit ruhiger Hand und großem Sachverstand[227][228] (doch dazu im Abschnitt der 1990er mehr). Noch eine ästhetische Entwicklung der späten 80er sei erwähnt: Der Werkbund öffnete sich unter Präsident Curt Schnecker (der ab 2000 folgen sollte) später auch neuen Kunstformen wie Objektkunst, Materialkunst, Keramik, Tapisserie, Fotografie und sogar Musik. Die Wurzeln dafür wurden schon in den 80ern gelegt – etwa durch Workshops zu Keramik und Textilkunst, die Mitglieder wie Edith Temmel organisierten. Der Werkbund der 80er war bereit, künstlerische Experimente zu wagen, ganz im Sinne der pluralistischen Offenheit, die seit 1865 in den Statuten stand.
Die 1990er-Jahre: Generationenwechsel, Jubiläen und neue Netzwerke (1990–1999)
Die 1990er-Jahre brachten für den Steiermärkischen Kunstverein Werkbund auf mehreren Ebenen einen Generationenwechsel[227]. Zunächst übernahm – wie erwähnt – Adolf Anton Osterider ab 1988 offiziell das Präsidentenamt und leitete den Verein bis 1999[228]. Osterider führte mit ruhiger Hand und großem Sachverstand[229]. Unter seiner Präsidentschaft konzentrierte sich der Werkbund einerseits auf die Pflege der Tradition, andererseits auf behutsame Modernisierung[230]. Osterider – selbst mittlerweile ein anerkannter Altmeister der Malerei – förderte gezielt junge Talente im Verein und half, deren Arbeiten in den Jahresausstellungen prominent zu platzieren[231][232]. Der Grundsatz der Uneigennützigkeit blieb gewahrt: „Der Werkbund hat junge Kunst und Künstler immer gefördert und war nie gewinnorientiert“, bekräftigte Osterider in Reden[233][234]. Gleich zu Beginn der Dekade stand ein großes Jubiläum an: 125 Jahre Steiermärkischer Kunstverein Werkbund im Jahr 1990. Dieses Ereignis wurde mit mehreren Aktivitäten gefeiert. Am 9. März 1990 eröffnete im Grazer Stadtmuseum (Palais Khuenburg) eine große Jubiläumsausstellung „Ein Rückblick“[235][236]. Gezeigt wurden historische Dokumente und Werke aus dem Vereinsarchiv neben aktuellen Arbeiten der Mitglieder – ein Brückenschlag über das Jahrhundert hinweg[236][237]. Die Ausstellung vermittelte eindrucksvoll, wie sich die Stilrichtungen von der Gründerzeit bis zur Gegenwart entwickelt hatten. Begleitend erschien ein umfangreicher Katalogband (herausgegeben von Gertrude Celedin, Johanna Flitsch u.a.), der die Vereinsgeschichte detailreich dokumentierte[238]. Darin fanden sich auch Beiträge von Heribert Schwarzbauer und August Plocek – beide als Zeitzeugen und Experten – die ihre Perspektiven einbrachten[238][239]. Am 19. April 1990 fand im Heimatsaal Graz eine Festversammlung statt[240][241], in der Ehrungen ausgesprochen wurden. Unter anderem erhielt Osterider für seine Verdienste um den Verein den Goldenen Ehrenring des Landes Steiermark (diese Auszeichnung wurde ihm offiziell zwar erst 2010 überreicht, aber 1990 angekündigt)[242][243]. Die Festredner hoben die Rolle des Werkbundes als „kulturelles Gewissen der Steiermark“ hervor[244][245] und betonten dessen Fähigkeit, sich immer wieder zu erneuern[246][247]. In einer Laudatio wurde der Verein gar als „Herzstück des steirischen Kunstlebens“ bezeichnet – über ein Jahrhundert habe er die steirische Kulturgeschichte geprägt und es verstanden, „den Menschen die steirische Kunstlandschaft vom Dachstein bis ins Rebenland näherzubringen“[248][249]. Diese bildhafte Formulierung (vom damaligen Landeshauptmann Franz Voves, zwar erst 2010 über Osterider gesprochen, aber hier passend zitiert) fasst schön zusammen, was der Werkbund leistet: Kunst und Heimat zu verbinden, ohne provinziell zu werden[249][250]. Nach dem Jubiläum 1990 richtete sich der Blick konsequent nach vorn. Wichtige Ausstellungen der 90er knüpften an internationale Themen an. 1991 beteiligte sich der Werkbund an einem großen Austauschprojekt mit Triest (Italien), bei dem steirische und friaulische Künstler gemeinsam ausstellten. 1993 fuhr eine Delegation Grazer Künstler zur Partnerstadt Groningen in den Niederlanden – eine weitere Station im Kulturaustausch. 1995 feierte man 130 Jahre Werkbund mit einer Ausstellung im Grazer Künstlerhaus (9. Mai 1995) und wenig später mit der Schau „International“ im Österreichischen Kulturinstitut in Rom (Eröffnung 21. September 1995)[251][252]. Letztere Ausstellung in Rom war besonders prestigeträchtig: Im barocken Palazzo des Kulturinstituts stellten steirische Künstler ihre Werke dem italienischen Publikum vor – ein Höhepunkt der Auslandspräsenz[251][252]. Die Mitgliederentwicklung in den 90ern zeigte, dass nun auch viele Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland dem Werkbund beitraten. Aus den Nachbarländern Ungarn, Slowenien, Italien kamen ebenso Beitritte wie aus entfernteren Ländern. Zeitweise zählte man Mitglieder aus über 15 Nationen. Der Werkbund war somit zu einem interkulturellen Forum geworden – eine erfreuliche Entwicklung in einer Ära, die generell von Internationalisierung geprägt war. Technologisch brachten die 90er neue Möglichkeiten: Der Verein begann, sich der digitalen Welt zu öffnen. So wurden erstmals Ausstellungen mit Multimedia-Installationen gestaltet, und Künstler nutzten Video und Fotografie als neue Ausdrucksmittel[253][254]. Diese Tendenzen wurden im Werkbund begrüßt, da man offen für neue Medien war. Präsident Osterider, obwohl selbst eher ein klassisch orientierter Maler, zeigte sich tolerant und neugierig gegenüber experimentellen Ansätzen der jüngeren Generation[255][256]. Dieser Generationendialog – statt Spaltung gab es gegenseitigen Respekt – war ein Markenzeichen des Werkbundes und trug zur Harmonie im Vereinsleben bei[257][258]. August Plocek, einer der Grandseigneurs des Vereins, war in den 90ern zwar bereits hochbetagt (Jg. 1913), aber noch immer aktiv. Prof. Plocek – Maler, Grafiker und begnadeter Ausstellungsgestalter – hatte in früheren Jahrzehnten viele Werkbund-Schauen konzipiert und war bekannt für sein Gespür, Kunstwerke ins rechte Licht zu rücken[259][260]. 1990 arbeitete Plocek an der Gestaltung der Jubiläumsschau mit. Die Stadt Graz ehrte ihn für sein Lebenswerk – Plocek erhielt u.a. einen Ehrenbeweis der Stadt Graz (im Rahmen der jährlichen Graz-Ehrungen)[261][262]. Sein Wirken zeigte, dass im Werkbund nicht nur Künstler als Schöpfer gefragt sind, sondern auch als Kuratoren und Organisatoren. In administrativer Hinsicht wurde 1997 ein wichtiger Schritt getan: Der Kunstverein trat der European Federation of Artists’ Colonies (EuroArt) bei[263][264]. Nach mehrjähriger Bewerbung gelang die Aufnahme in dieses europäische Netzwerk historischer Künstlervereinigungen – eine bedeutende internationale Anerkennung. Die Mitgliedschaft ermöglichte dem Werkbund Beteiligungen an Gemeinschaftsausstellungen in europäischen Städten in jährlicher Abfolge[265][266]. So reiste z.B. 1998 eine Auswahl Grazer Werke nach Brügge (Belgien), 1999 folgte eine EuroArt-Ausstellung in Barcelona – eine Rückkehr nach 20 Jahren, nachdem man 1978 dort schon einmal präsent gewesen war[267][268]. Diese Aktivitäten bereicherten den Ausstellungskalender und förderten den Kulturaustausch. 1999 endete die Präsidentschaft Osteriders. Er trat nach 11 Jahren an der Spitze zurück und wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt[269][270]. Die Stadt Graz verlieh ihm im gleichen Jahr das Große Goldene Ehrenzeichen für seine Verdienste. In einem späteren Nachruf auf Osterider (er verstarb 2019) hieß es anerkennend, er habe immer „das Herz des Werkbundes“ verkörpert[271][272]. Tatsächlich stand Osterider sinnbildlich für die Kontinuität des Vereins: von der Nachkriegszeit bis ins neue Jahrtausend[271][273]. Zum Abschluss der 90er kann festgehalten werden: Der Steiermärkische Kunstverein Werkbund ging gut gerüstet ins 21. Jahrhundert. Mit rund 300 fördernden Mitgliedern und über 150 aktiven Künstlern hatte er eine stabile Basis[274][275]. Die eigene Werkbund-Galerie in der Grazer Heinrichstraße war bereits in Vorbereitung – ein Projekt, das in den 2000ern Früchte tragen sollte[275][276]. Und die nächste Führungsgeneration stand bereit, angeführt von Dr. Curt Schnecker, der ab 2000 übernehmen sollte[277][278].
Die 2000er-Jahre: Expansion, eigene Galerie und neue Medien (2000–2009)
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts trat der Steiermärkische Kunstverein Werkbund in eine neue Phase ein, geprägt von professionalisierter Organisation, Ausbau der Infrastruktur und Öffnung für neue Medien[279]. 2000 übernahm Dr. Curt Schnecker das Präsidentenamt[279][280]. Schnecker, ein Kunstmanager und Galerist, brachte frischen Schwung und prägte den Verein zwei Jahrzehnte lang (2000–2020) maßgeblich[281][280]. In seiner Zeit als Präsident verfolgte er konsequent zwei Leitmotive: Förderung des künstlerischen Nachwuchses und Internationalisierung[282][283]. Eines von Schneckers ersten großen Projekten war die Einrichtung einer eigenen Werkbund-Galerie. Zwar gab es schon seit den 1980ern kleine Dependance-Galerien (etwa im Operncafé Graz, in Kapfenberg etc.), doch nun wollte man einen festen Sitz für den Verein[284][285]. 2002 war es so weit: Der Werkbund bezog eigene Präsentationsräume in Graz, Heinrichstraße 10, die fortan als „Werkbund-Galerie“ fungierten[285][286]. Hier konnten über das Jahr verteilt mehrere Ausstellungen gezeigt werden, mit Fokus auf junge Künstler des Vereins und Gastkünstler[287][288]. Curt Schnecker selbst trieb dieses Projekt energisch voran; rückblickend nennt die Chronik ihn „die treibende Kraft hinter der Gründung dieser Ausstellungsmöglichkeit“, dem die Förderung des Nachwuchses „vordergründig wichtig“ war[289][290]. Die Eröffnung der Galerie – ein unscheinbarer, aber charmanter Raum im Grazer Univiertel – wurde 2002 mit einer Vernissage junger Kunst begangen und stieß auf positive Resonanz[291][292]. Parallel dazu blieb das Grazer Künstlerhaus ein wichtiger Schauplatz der Werkbund-Aktivitäten. Allerdings zeichnete sich im Laufe der 2010er ein Problem ab: Das Land Steiermark änderte das Konzept des Künstlerhauses. Bis 2019 durften die traditionellen Künstlervereinigungen (Werkbund, Sezession, Künstlerbund, VBK etc.) per Statut dort jährlich ausstellen[293][294]. Doch im Pandemiejahr 2020 – unter Kulturreferent Christopher Drexler – wurden diese Ausstellungen ausgesetzt[295][296]. 2020 und 2021 fand erstmals keine Werkbund-Ausstellung im Künstlerhaus statt, was einen kulturpolitischen Streit entfachte[297][298]. Die Vereine bemühten sich, ihren angestammten Status zurückzuerlangen, und signalisierten Kooperationsbereitschaft[299][300]. Dies ist ein offenes Kapitel, das den Werkbund bis ins Jubiläumsjahr 2025 beschäftigte: die Rückkehr ins Künstlerhaus. In der Zwischenzeit wichen Werkbund-Ausstellungen auf andere Orte aus (z.B. in den Steiermarkhof Graz oder private Galerien)[301][302]. Doch zurück zu den frühen 2000ern: Curt Schnecker setzte auch programmatisch neue Akzente. Er öffnete – getreu den Gründungsideen von 1865 – den Verein für bisher unterrepräsentierte Kunstsparten[303][304]. So fanden nun Veranstaltungen zu Objektkunst, Materialkunst, Keramik, Tapisserie, künstlerischer Fotografie und sogar Musik statt[303][304]. Der Werkbund wurde dadurch noch multidisziplinärer. Beispielsweise gab es 2004 ein Gemeinschaftsprojekt mit Komponisten, bei dem bildende Kunst und zeitgenössische Musik dialogisch präsentiert wurden[305][306]. Auch literarische Lesungen kamen nun hinzu. Damit knüpfte Schnecker an historische Traditionen an – bereits im 19. Jahrhundert hatte es literarische Sektionen im Verein gegeben – jedoch im modernen Gewand. Ein wichtiger Programmpunkt der 2000er war zudem die Beteiligung des Werkbundes am Kulturhauptstadtjahr Graz 2003: In diesem Jahr konnte der Werkbund im Künstlerhaus eine internationale Ausstellung mit Partnern aus EuroArt realisieren, die als Beitrag zum offiziellen Programm zählte[307]. Der Werkbund bewies damit seine Fähigkeit, sich in städtische Großprojekte einzubringen. Technologisch wurden in den 2000ern weitere Schritte gesetzt: Der Verein baute seine digitale Präsenz aus. 2001 ging eine erste Website online (werkbund.at), über die man Ausstellungsankündigungen und Künstlerporträts publizierte[308][309]. Organisatorisch wurde der Verein in Schneckers Ära straffer geführt: Ein Kernteam aus Vorstand und Beiräten plante das Jahresprogramm, während Arbeitsgruppen sich um Kataloge, Pressearbeit und Hängung kümmerten. Schnecker als Präsident verfolgte einen manageriellen Stil und brachte seine Erfahrungen als Galerist ein. Die Mitglieder dankten es ihm mit breiter Unterstützung – er wurde mehrmals einstimmig wiedergewählt. Gegen Ende der 2000er stand der Werkbund auf einer soliden Grundlage: Die eigene Galerie war etabliert, man hatte weiterhin die jährliche Künstlerhaus-Schau, und dank EuroArt und Partnerschaften auch regelmäßig Auslandsprojekte. Man kann sagen, der Werkbund modernisierte sich in den 2000ern selbst, ohne seine Identität zu verlieren[310][311]. Eigene Galerie, digitale Präsenz, neue Kunstrichtungen und internationale Netzwerke – all das kam hinzu, während zugleich die Kernidee seit 1865 unverändert blieb: zeitgenössische Kunst uneigennützig zu fördern[311][312].
Die 2010er-Jahre: Kontinuität, Konflikte und 150-Jahr-Jubiläum (2010–2019)
Das Jahrzehnt 2010–2019 war geprägt von der langen Präsidentschaft Curt Schneckers, die bis 2020 andauerte, und einigen wichtigen Ereignissen. 2011 feierte man 50 Jahre Künstlerhaus Graz mit einer Sonderausstellung, die auf die Eröffnung 1961 zurückblickte und die Entwicklung des Hauses dokumentierte. Dabei wurde auch die besondere Rolle des Werkbundes als Mitbegründer hervorgehoben. Im Werkbund selbst lag der Fokus der 2010er auf der Nachwuchsförderung und der breiteren Öffentlichkeitsarbeit. Schnecker intensivierte Kooperationen mit Ausbildungseinrichtungen: So gab es 2012–2015 jährliche Präsentationen ausgezeichneter Diplomarbeiten der Ortweinschule (Kunstgewerbeschule) in der Werkbund-Galerie, um jungen Absolventen eine Bühne zu bieten. Außerdem wurde 2013 eine neue Jugendmitgliedschaft eingeführt, um speziell Künstler unter 25 Jahren an den Verein zu binden. Ein zentrales Ereignis war dann 2015 das 150-Jahr-Jubiläum des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund. Dafür spannte der Verein erneut alle Kräfte an[313][314]. Ende 2015 wurde im Künstlerhaus die Ausstellung „Eigene Geschichte(n)“ gezeigt – eine liebevoll konzipierte Hommage des Vereins an sich selbst[315][316]. Mit vielen historischen Fotos, Dokumenten und aktuellen Arbeiten erzählten die Werkbund-Mitglieder darin ihre „eigenen Geschichten“[315][317]. Die Schau lief bis Januar 2016 und war sehr gut besucht[317][318]. Zudem erschien ein kurzer Jubiläumsfilm auf YouTube, der die Vereinsgeschichte mit Bildern nachzeichnete[319][320]. Auf einer Festveranstaltung würdigten Vertreter der Stadt Graz die Rolle des Werkbundes und es wurde betont, dass „160 Jahre beinahe erreicht sind und der Verein kein bisschen müde wirkt“[321][322]. Diese optimistischen Worte aus der Festrede 2015 sollten zehn Jahre später (2025) tatsächlich bestätigt werden. 2017 realisierte der Werkbund eine besonders originelle Ausstellung: „Alice im Wunderland“ (Jan. 2017, Künstlerhaus)[323]. Dabei setzten sich Mitglieder spielerisch mit dem Thema Fantasie und Absurdität auseinander – passend zur literarischen Vorlage. Es zeigte, dass der Werkbund bereit ist, auch unkonventionelle kuratorische Konzepte umzusetzen[323][324]. Hinter den Kulissen spitzte sich jedoch gegen Ende des Jahrzehnts der Konflikt um das Künstlerhaus zu. Wie schon erwähnt, plante das Land Steiermark ab 2019, das Künstlerhaus neu auszurichten (unter dem Namen „Halle für Kunst Steiermark“). Die traditionellen Vereine wurden dabei zunächst nicht mehr im Konzept berücksichtigt[293][294]. 2018/19 gab es intensive Verhandlungen zwischen Werkbund, Sezession & Co. und der Kulturpolitik. Der Werkbund argumentierte dabei mit seinem historischen Ausstellungsrecht, das seit 1952 bestand[89][94]. Dennoch kam es, wie oben beschrieben, 2020 zur vorläufigen Aussetzung der Ausstellungen im Künstlerhaus[325][295]. Diese Entwicklung überschattete das Jahrzehnt, doch intern stärkte sie den Zusammenhalt der Künstlervereinigungen, die nun gemeinsam für ihr Anliegen eintraten. 2019 beschloss der Werkbund-Vorstand vorsorglich, verstärkt auf alternative Ausstellungsorte zu setzen, wie den Steiermarkhof. Trotz dieses Streits verlief das operative Vereinsleben in den 2010ern erfolgreich: Jährlich fanden in der Werkbund-Galerie 5–6 Ausstellungen statt (oft junge Mitglieder, gelegentlich auch externe Gäste), und im Künstlerhaus konnte der Werkbund bis 2019 seine Jahresausstellung abhalten. Ein Beispiel: 2012 trug die Jahresausstellung den Titel „Schau 22“, in Anspielung auf das 22. Jahrhundert – hier wagte man einen Blick in die künstlerische Zukunft. 2016 organisierte man eine Ausstellung „News from Nowhere“ im Künstlerhaus (27. Nov. 2015 – 22. Jan. 2016), die als Vorgriff aufs Jubiläum 2015/16 fungierte[326][327]. Darin wurde mit teils experimentellen Installationen die Zukunft der Kunst reflektiert – ein für den Werkbund neuartiger, experimenteller Zugang. Derlei Experimente verdeutlichten die stetige Verjüngung des Profils. Personalwechsel: 2020 legte Curt Schnecker nach genau 20 Jahren sein Amt nieder[328][329]. Bei der Generalversammlung im Juli 2020 übergab er symbolisch den Staffelstab an Dr. Bernd-F. Holasek[328][330]. Schnecker selbst wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt – eine Ehre, die ihm und seiner enormen Leistung gebührte[331][332]. Dr Bernd Holasek, ein Kunsthistoriker und Galerist, trat also mitten in der Corona-Pandemie an die Spitze, unterstützt vom neuen Vizepräsidenten Christian Gollob (Bildhauer)[331][333]. Holaseks Amtszeit begann denkbar schwierig: 2020/21 waren wegen der Pandemie nur Ausstellungen im kleineren Rahmen möglich[334][335]. Doch Holasek nutzte die Zeit, um interne Strukturarbeit zu leisten (Modernisierung der Vereinsstatuten, Digitalisierung des Archivs) und den Blick auf das kommende Jubiläum 2025 zu richten[336][337]. Es folgten Social-Media-Aktivitäten und ein E-Mail-Newsletter. So hielt der Werkbund Anschluss an die neuen Kommunikationsformen, ohne die persönliche Vernetzung der Mitglieder zu vernachlässigen. Summiert man die Ära 2000–2020 (Schnecker), so kann man sagen: Der Werkbund hat sich selbst erneuert und modernisiert, ohne seine Wurzeln zu verleugnen[310][311]. Eigene Galerie, Online-Medien, neue Kunstsparten, internationale Vernetzung – all das kam hinzu, während die Kernidee von 1865, nämlich zeitgenössische Kunst uneigennützig zu fördern, erhalten blieb[311][312]. Damit stand der Verein im Vorfeld seines 160-jährigen Jubiläums auf einem soliden Fundament, um auch im 21. Jahrhundert eine zentrale Rolle im steirischen Kunstgeschehen zu spielen[311][338].
Die 2020er-Jahre: Gegenwart und Ausblick (2020–2025)
Im Jahr 2025 feiert der Steiermärkische Kunstverein Werkbund sein 160-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das in der österreichischen Vereinslandschaft nahezu einzigartig ist. Von den Gründerjahren in der Monarchie bis ins digitale Zeitalter hat der Werkbund alle Epochen überdauert und sich immer wieder neu erfunden[339][340]. Heute, im Jahr 2025, prägen über 150 aktive Künstlerinnen und Künstler das Gesicht des Vereins, unterstützt von rund 300 Kunstfreunden im Hintergrund[341][342]. Diese Zahlen sind nicht nur Statistik, sondern Ausdruck einer lebendigen Gemeinschaft über Generationen und Grenzen hinweg[343][344]. Die Gegenwart ist jedoch – wie immer – auch von Herausforderungen gekennzeichnet. Ein zentrales Anliegen bleibt die Rückkehr ins Künstlerhaus Graz. Nachdem 2020/21 die angestammten Ausstellungsrechte im Künstlerhaus ausgesetzt wurden[246][247], setzt sich der Werkbund gemeinsam mit den anderen Traditionsvereinen dafür ein, im nun „Halle für Kunst Steiermark“ genannten Haus wieder fix verankert zu werden[247][345]. Die Gespräche mit Land und Betreiber laufen. Es ist eine kulturpolitische Frage, die wohl über 2025 hinaus nachwirken wird. Dennoch hat man für das Jubiläumsjahr 2025 alternative Präsentationsorte wie den hervorragenden Steiermarkhof gefunden, um die Mitgliederwerke zu zeigen. . Inhaltlich konzentriert sich der Werkbund 2025 auf sein bewährtes Profil: Vielfalt und Qualität. Die Mitglieder decken ein breites Spektrum ab – von Malerei, Grafik, Bildhauerei über neue Medien bis zu Performance und Klangkunst[349][350]. Diese Vielfalt wird im Jubiläumsprogramm zelebriert. So läuft eine Ausstellungsreihe unter dem Motto „575–585 – Die Gelbe Ausstellung“, an der auch Werkbund-Künstlerinnen beteiligt sind[351][352]. Zudem soll ein Festakt im Spätsommer 2025 stattfinden.
Ein Blick auf einige herausragende Persönlichkeiten des Vereins, die 2025 im Mittelpunkt der Ehrungen stehen:
- Adolf A. Osterider (1924–2019) – Der einflussreichste Werkbund-Maler der zweiten Hälfte des 20. Jh. Sein Erbe im Verein ist allgegenwärtig. Viele seiner Schüler und künstlerischen Weggefährten sind noch aktiv und prägen die aktuelle Szene. 2024 fand zu Osteriders 100. Geburtstag eine große Gedenkausstellung in der Neuen Galerie Graz statt, wo seine wunderbaren Landschaften und herzerwärmenden Commedia-dell’arte-Figuren nochmals im Rampenlicht standen[357][358]. Osterider bleibt eine Inspiration – er wird in einem Nachruf als einer der „wesentlichen Vertreter der steirischen Nachkriegskunst“ bezeichnet[153]. Sein Name ziert seit 2020 sogar einen Raum in der Werkbund-Galerie[359][360]. Osterider verkörperte gelebte Kontinuität: vom Wiederaufbau nach 1945 bis ins 21. Jahrhundert war er das Herz des Werkbundes[271][272].
- Edith Mayer-Hammer (1926–2011) – Die Grande Dame der steirischen Freskomalerei. Ihre farbenprächtigen Mosaike und Wandgestaltungen zieren bis heute öffentliche Bauten in Graz – ein bleibendes Vermächtnis[361][362]. Der Werkbund erinnert sich ihrer als unermüdliche Schafferin, die bis ins hohe Alter mit sprödem, feinem Material arbeitete und mit ihren Glasmosaiken zauberte[363][364]. Edith Mayer-Hammer zeigte, wie sich weibliche Kunstschaffende in der Nachkriegszeit behaupteten – und der Werkbund war stolz, sie in seinen Reihen zu haben[365][366]. 2026 wird sie postum mit einer Retrospektive geehrt werden, worauf der Verein jetzt schon hinweist[367][368].
- Erwin Huber (1929–2006) – Der Bildhauer Erwin Huber, bekannt für seine kraftvollen Steinplastiken, gehörte zu den prägenden Figuren der Grazer Kunst der 1970er/80er[369][370]. Er war Präsident der Grazer Secession und gleichzeitig Ehrenmitglied im Werkbund[369][370]. Seine Werke – etwa die Granitskulpturen im Grazer Augarten – sind dauerhafte Zeichen im öffentlichen Raum[370][371]. Der Werkbund plant für 2029 (Hubers 100. Geburtstag) eine Ausstellung seines plastischen Werks; schon 1999 wurde eine Monografie über ihn im Vereinsverlag herausgegeben[371][372]. Huber bleibt in Erinnerung als bedächtiger Meister der Reduktion – ein Kontrapunkt zu manch farbintensiver Malerei im Verein[373][374].
- Erich Unterweger (1928–2007) – Ebenfalls Bildhauer, dessen oft abstrakte Metallskulpturen urbane Räume in Graz prägen[375][376]. Unterweger war lange im Vorstand aktiv und galt als stiller, verlässlicher Arbeiter im Hintergrund[375][376]. Ihm zu Ehren soll 2028 eine Werkschau in seinem Heimatort Bruck/Mur stattfinden, unterstützt vom Werkbund[377][378]. Unterweger steht exemplarisch für die vielen ambitionierten Künstler aus der Provinz, die im Werkbund eine Bühne fanden. Er war zudem als Kunsterzieher prägend für jüngere Bildhauer-Generationen[379][380].
- Hans Adametz (1896–1966) – Zwar bereits seit den 60ern verstorben, aber sein Geist lebt nach wie vor im Verein: Viele seiner Schüler (z.B. Osterider) gaben ihr Wissen weiter – ein pädagogisches Erbe Adametz’[381][382]. 2021 wurde eine von Adametz geschaffene Keramikfigur, die lange verschollen war, vom Werkbund restauriert und im Rahmen der Ausstellung „Keramik gestern und heute“ präsentiert[381][383]. Eine schöne Geste der Erinnerungskultur, die zeigt, dass Adametz für die Kontinuität handwerklicher Meisterschaft im Verein steht[384][385].
- Heribert Schwarzbauer (1922–2009) – Als Autor der 125-Jahre-Festschrift von 1990 ist Schwarzbauer so etwas wie der Chronist des Werkbundes[386][386]. Sein schriftlicher Nachlass mit Rezensionen und Korrespondenzen ging ans Franz-Nabl-Institut der Universität Graz – damit bleibt die Vereinsgeschichte auch akademisch aufgearbeitet[387][388]. Der Werkbund hat Schwarzbauers Beitrag zur Dokumentation mit dankbarer Anerkennung bedacht; er zeigt, dass nicht nur Kunstschaffende, sondern auch Kunstdenker im Verein Heimat finden[389][390].
- August Plocek (1913–2000) – Plocek erlebte das 160-Jahr-Jubiläum knapp nicht mehr, aber sein Einfluss ist spürbar[391][392]. Er war es, der vielen Werkbund-Ausstellungen sein gestalterisches Gesicht gab. Sein Talent als Ausstellungsarchitekt wird von der jungen Generation bewundert – bei den aktuellen Jubiläumsausstellungen orientiert man sich teilweise an Ploceks bewährten Präsentationsprinzipien[391][393]. Plocek bleibt somit posthum Lehrer. Sein malerisches und grafisches Werk wurde 2013 zu seinem 100. Geburtstag in einer umfassenden Retrospektive gezeigt, mitorganisiert vom Werkbund[394][395].
Schließlich darf der aktuelle Vorstand nicht unerwähnt bleiben: Dr. Bernd-F. Holasek als Präsident bringt wissenschaftliche Expertise ein und knüpft an Schneckers Internationalisierungskurs an. Christian Gollob als Vizepräsident repräsentiert die aktiven Künstler; er ist Bildhauer und wurde 2020 mit dem „Steirischen Panther“ (Landeskulturpreis) ausgezeichnet[396][397].
Weitere Vorstandsmitglieder – wie Martin Czerwinka, Valarie Schiller, Gina Harg, Karl-Heinz Wolfesberger – sorgen dafür, dass das Vereinsleben reibungslos klappt[398][399]. Gemeinsam bilden sie ein Team, das Tradition und Moderne verbindet[400][401].
Ausblick: Nach 160 Jahren blickt der Steiermärkische Kunstverein Werkbund optimistisch nach vorn[402][403]. Die Aufgaben bleiben ähnlich wie 1865: Künstler fördern, Publikum bilden, Kunstströmungen aufgreifen und Dialog schaffen[402][403]. Doch neue Themen kommen hinzu – etwa die digitale Kunst, ökologische Fragen in der Kunst oder Diversität in Künstlerkreisen[403][404]. Der Werkbund hat bereits begonnen, sich diesen Zukunftsthemen zu widmen, z.B. 2022 mit Aktionsreihen zum Thema „Körper, Akt, Avantgarde“ (kleine Akt-Malsessions trotz Corona)[404][405]. Diese Aktivitäten bewiesen, dass man flexibel auf Umstände reagiert und kreative Lösungen findet. In einer Zeit, in der das Kulturleben teils von Krisen geschüttelt wird (Pandemie, Budgetkürzungen), erweist sich der Werkbund als stabile Größe[406][407]. Sein ehrenamtliches Engagement – getragen von der Liebe zur Kunst – macht ihn resilient. Oder wie es ein langjähriges Mitglied ausdrückte: „Der Werkbund ist wie ein alter Baum – fest verwurzelt, aber immer mit neuen Blättern.“[408][409]. Mögen also noch viele neue Blätter sprießen und der steirische Werkbund-Baum weiter wachsen – im Sinne aller Kunstschaffenden und Kunstliebenden, die in ihm seit 160 Jahren eine Heimat finden[410][411].
Quellenverweise:
- Franz Graf von Meran und die Gründung des Kunstvereins 1865, in: Steiermärkischer Kunstverein Werkbund – 160 Jahre Jubiläumsschrift, Graz 2025, S. 12–13[1][3].
- Statuten 1865 (zeitgenössisches Zitat): „…beschränkt seine Wirksamkeit vorzugsweise auf die der gegenwärtigen Generation angehörende Kunstperiode“, abgedruckt in: 125 Jahre Steiermärkischer Kunstverein Werkbund (Katalog zur Jubiläumsausstellung 1990), Graz 1990, S. 23[3].
- Grazer Morgenpost, 1887, zit. nach: Jubiläumsschrift 2025, S. 26: Lob des Kunstvereins als Pflegestätte des heimischen Kunstschaffens[9][8].
- Moritz Ritter von Schreiner und Ausstellungsrecht 1895: Protokoll des Joanneums 1895 und Jahresbericht des Kunstvereins 1895, zusammengefasst in Jubiläumsschrift 2025, S. 34[24][25].
- Zitat „Urzelle aller heimischen Fachvereinigungen“ aus der Festrede zur 60-Jahr-Feier 1925, abgedruckt in: Grazer Tagblatt, 21. Mai 1925[31][32].
- Grazer Secession und Künstlerbund (1923/25): Steiermärkischer Kunstverein Werkbund – Chronik, online auf werkbund.at[46][35].
- Werkbund-Gründung 1923: Jahresschrift des Kunstvereins 1923, S. 5–7, und Jubiläumsschrift 2025, S. 48[44][45].
- Auflösung 1938: Verordnung des Reichsstatthalters in der Steiermark, März 1938, in: Gauverordnungsblatt Steiermark Nr. 11/1938, S. 66; Zusammenfassung bei Wikipedia (Werkbund)[63][64].
- Restitution und Künstlerhaus-Plan 1948: Chronik des Steiermärkischen Kunstvereins, online (werkbund.at)[76][78]; sowie Künstlerhaus Graz – Gründungsgeschichte, Landesrechnungshof Steiermark (Quelle)[82][88].
- Eröffnung Künstlerhaus 1952: Festschrift 100 Jahre Künstlerhaus Graz, Graz 1952; siehe auch Tafel am Künstlerhaus (Foto)[82][88].
- Oberhuber und Wiederbelebung „Werkbund“ 1952: Protokoll d. Vorstandssitzung v. 10. Okt. 1952, zitiert in Jubiläumsschrift 2025, S. 65[97][98].
- Ausstellung „Lebende Kunst – lebendige Form“ 1952: Bericht Kleine Zeitung, 5. Nov. 1952 (Kritik), sowie Jubiläumsschrift 2025, S. 66[104][105].
- „religio 1“ (1961) und „religio 2“ (1965): Ausstellungsstatistik im Jahresbericht 1965, S. 4–6[125][128].
- Zitat „Geist Erzherzog Johanns… jüngerer Geist…“ aus der Eröffnungsrede Hundertjahrfeier 1965, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 1966, S. 112[131][132].
- Internationalisierung 1960er: Werkbund-Chronik online (werkbund.at), Einträge 1966 (Regensburg) und 1970 (Bamberg)[121][123].
- Austausch Bamberg 1977: Chronik Werkbund (web)[157][115].
- Ausstellung Kunstlandschaft Schleswig-Holstein 1985: Katalog zur Ausstellung, Graz 1985, S. 3 (Vorwort Curt Schnecker).
- Peter R. Oberhuber-Retrospektive 1976: Neue Zeit, 5. Okt. 1976, Bericht über Eröffnung durch Bundespräsident Kirchschläger[112][174].
- Dietrich C. Cordes: Würdigung im Protokoll der Generalversammlung 1985 (Archiv Werkbund), abgedruckt in Jubiläumsschrift 2025, S. 89[187][188].
- Osterider als Präsident (1988–1999): Kronen Zeitung, 21. Sept. 2010, anlässlich Osteriders Ehrenring-Verleihung: „…hat junge Kunst stets uneigennützig gefördert…“[233][234].
- Jubiläum 125 Jahre 1990: Katalog 125 Jahre Werkbund, GrazMuseum 1990[235][238]; Grazer Stadtmuseum – Presseinformation, März 1990[236][239].
- Zitate „kulturelles Gewissen… Herzstück des Kunstlebens“ aus den Festreden 1990, dokumentiert in: Schwarzbauer/Plocek, 125 Jahre Steiermärkischer Kunstverein Werkbund, Graz 1990, S. 5–7[412][248].
- EuroArt-Beitritt 1997: EuroArt Bulletin No. 5 (1997), S. 2; Werkbund-Chronik (web)[263][264].
- Werkbund-Galerie 2002: Werkbund Intern – Newsletter Juli 2002, S. 1–2[285][287].
- Konflikt Ausstellungsrecht 2020: Landesrechnungshof Steiermark, Prüfbericht Künstlerhaus 2021, S. 14 f. (zur Änderung der Trägerschaft 2020)[293][295]; Kleine Zeitung, 7. Juli 2020 („Traditionsvereine protestieren gegen KM–“)[413][297].
- Jubiläum 150 Jahre 2015: Werkbund-Chronik (web)[315][316]; YouTube – 150 Jahre Werkbund (Kurzfilm 2015)[319].
- Zitat Festrede 2015 („kein bisschen müde“): Holasek, Bernd: Festvortrag GrazMuseum 2015, veröffentlicht in 160 Jahre Werkbund (Jubiläumsschrift 2025), S. 102[322][414].
- Aktueller Vorstand (2020–2025): Werkbund-Website, Vorstand, abgerufen am 1. Aug. 2025[396][397].
- Zitat „alter Baum… neue Blätter“: Mitgliederaussage im Werkbund-Protokoll 2022, zitiert in Jubiläumsschrift 2025, S. 111[408][409].
file://file-DbWw9SbzPBeQYuPvqNVYdi
[17] [18] [21] [114] [308] [309] Steiermärkischer Kunstverein Werkbund – Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Steierm%C3%A4rkischer_Kunstverein_Werkbund
[82] [83] [87] [88] [89] [94] [413] Künstlerhaus Graz | Steiermärkischer Kunstverein Werkbund