Präsident

Werner Augustiner

Präsident 1969 – 1970

* 26. Mai 1922† 10. Jänner 1986

Im Werkbund

1922–1986 | Maler, Grafiker, Vertreter der steirischen Moderne und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund

Werner Augustiner gehört zu den eindrucksvollen Künstlerpersönlichkeiten der steirischen Moderne. Er wurde am 26. Mai 1922 in Graz geboren und starb am 10. Jänner 1986 ebenfalls in Graz.1 Sein Leben und Werk sind eng mit der Stadt Graz, der Grazer Kunstgewerbeschule, Rudolf Szyszkowitz und dem Steiermärkischen Kunstverein Werkbund verbunden. Augustiner war Maler und Zeichner, aber vor allem ein Künstler des Sehens: einer, der die sichtbare Welt ernst nahm, sie aber nicht bloß abbildete, sondern innerlich verwandelte.

Schon früh wurde sein zeichnerisches Talent erkannt. Augustiner kam mit stark verkürzten Armen zur Welt; diese körperliche Einschränkung hielt ihn jedoch nicht davon ab, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen.2 Gerade dieser Umstand macht seine Biografie besonders berührend, ohne dass man sein Werk darauf reduzieren dürfte. Seine Kunst ist nicht aus der Einschränkung heraus zu verstehen, sondern aus einer außergewöhnlichen Konzentration, aus Disziplin, Wahrnehmungskraft und einem starken inneren Drang zur Gestaltung.

Von 1936 bis 1940 besuchte Augustiner die kunstgewerbliche Abteilung der Grazer Höheren Bundes-Gewerbeschule. Anschließend studierte er von 1940 bis 1943 in Graz an der Staatlichen Meisterschule des Deutschen Handwerks, wo Rudolf Szyszkowitz sein Lehrer war.3 Diese Verbindung zu Szyszkowitz wurde für Augustiner prägend. Wie bei vielen Künstlern des späteren Werkbundes verband sich hier eine solide Ausbildung mit einer Kunstauffassung, die den Menschen, die Natur und die geistige Dimension des Bildes in den Mittelpunkt stellte.

Ab 1943 setzte Augustiner seine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien fort. Dort studierte er bei Karl Sterrer und später bei Albert Paris Gütersloh; außerdem besuchte er den Abendakt bei Herbert Boeckl. 1950 schloss er sein Studium mit Diplom ab und erhielt den Aktpreis der Meisterklasse Boeckl.4 Besonders der Akt, die menschliche Figur und die freie malerische Behandlung des Körpers blieben zentrale Themen seines Werkes.

Bereits in jungen Jahren zeigte Augustiner eine künstlerische Reife, die Aufmerksamkeit erregte. Das Österreichische Biographische Lexikon hebt seinen 1942 geschaffenen Holzschnitt-Zyklus „Totentanz“ hervor, der schon beim zwanzigjährigen Künstler eine bemerkenswerte Ausdruckskraft erkennen ließ.5 Der Tod, die religiöse Frage, die Verletzlichkeit des Menschen und die Spannung zwischen Körper und Geist sollten ihn auch später beschäftigen.

Nach dem Krieg folgten Ausstellungsbeteiligungen in Österreich und Deutschland. Werke Augustiners gelangten früh in private und öffentliche Sammlungen, unter anderem in die Albertina.6 1954 erhielt er ein Romstipendium des Bundesministeriums für Unterricht; 1956 führten ihn Reisen in die Türkei, nach Griechenland und Kreta.7 Diese Aufenthalte erweiterten seinen Blick auf Landschaft, Licht, Körperlichkeit und religiöse Bildwelten.

Besonders wichtig wurde für ihn Paris. Zwischen 1960 und 1965 hielt sich Augustiner längere Zeit in der französischen Hauptstadt auf.8 Gerade Paris der 1960er-Jahre übte eine starke Faszination auf ihn aus. Die dort entstandenen Milieu-Studien gehören zu den interessantesten Bereichen seines Werkes; sie zeigen eine von Respekt getragene Aufmerksamkeit für Menschen am Rand der bürgerlichen Gesellschaft.9 Augustiner sah nicht von oben auf seine Figuren herab. Er begegnete ihnen als Maler mit Ernst, mit Neugier und mit einer stillen Form von Mitgefühl.

Ab 1966 lebte Augustiner wieder vorwiegend in Graz.10 Für die steirische Kunstlandschaft war diese Rückkehr wichtig. Er brachte Erfahrungen aus Wien, Italien, Griechenland, der Türkei und Paris mit, blieb aber tief in der Grazer und steirischen Kunst verwurzelt. Das Land Steiermark bezeichnet ihn als einen der wichtigsten Vertreter der steirischen Moderne.11

Augustiners Kunst blieb der Gegenständlichkeit verpflichtet. Er war jedoch kein enger Traditionalist. Das Österreichische Biographische Lexikon beschreibt ihn als gegenständlichen Künstler, der kein Eiferer gegen die Gegenstandslosigkeit war.12 Gerade diese Haltung ist wesentlich: Augustiner verteidigte die Figur, die Landschaft, das Stillleben und das religiöse Bild nicht als akademische Konvention, sondern als Formen innerer Erfahrung.

Seine Bilder spannen einen Bogen von der Renaissance bis zum Expressionismus. Als wichtige künstlerische Bezugspunkte nennt das Österreichische Biographische Lexikon unter anderem James Ensor, Georges Rouault und Lovis Corinth.13 Man spürt in seinem Werk diese Nähe zu einer Malerei, die das Menschliche nicht glättet. Farbe, Linie und Form werden bei Augustiner nicht dekorativ eingesetzt, sondern als Mittel, seelische Spannung sichtbar zu machen.

Das Steirische Feuerwehrmuseum beschreibt Augustiner als „Maler des zeitlosen Expressionismus“. Seine Themen waren der menschliche Körper, die Landschaft und die Religion; stilistisch blieb er in der Gegenständlichkeit, im freien Umgang mit Farbe und Form aber deutlich vom Expressionismus und von der Tradition der französischen Fauves geprägt.14 Diese Charakterisierung trifft sein Werk gut: Es ist gegenständlich, aber nie bloß beschreibend; farbstark, aber nicht oberflächlich; religiös berührt, aber nicht fromm im illustrativen Sinn.

Für den Steiermärkischen Kunstverein Werkbund ist Augustiner besonders aus zwei Gründen wichtig: als Künstler der Werkbund-Generation nach 1952 und als kurzfristiger Präsident in einer Übergangsphase nach Rudolf Szyszkowitz und Alexander Silveri. Die Vereinschronik nennt ihn ausdrücklich unter den Schülern und Absolventen der Kunstgewerbeschule, die im Zuge der Umgestaltung des Kunstvereins in den Werkbund Aufnahme fanden.15

Diese Umgestaltung war für die Geschichte des Vereins entscheidend. Seit der Neugründung des Kunstvereins 1948 hatte sich das Profil verschoben: Aus dem früher stärker kunstfreundlich-bildungsbürgerlichen Verein wurde zunehmend ein aktiver Künstlerverband. 1952 wurde innerhalb des Steiermärkischen Kunstvereins die Sektion „Werkbund“ gebildet, in der die ausübenden Mitglieder zusammengefasst wurden.16 Augustiner gehörte zu jener jüngeren Generation, die aus der Kunstgewerbeschule kam und dem Werkbund seine künstlerische Gegenwart gab.

Der Werkbund der 1950er- und 1960er-Jahre war stark durch die Kunstgewerbeschule, durch Rudolf Szyszkowitz und durch eine gegenständliche, menschenbezogene Kunstauffassung geprägt. Augustiner fügte sich in dieses Umfeld ein, ohne darin aufzugehen. Er war Schüler dieser geistigen Linie, entwickelte aber eine eigene, dichterische Bildwelt. Seine Malerei ist weniger lehrhaft als existenziell: Sie fragt nach dem Menschen, nach dem Blick, nach Schuld, Schönheit, Verlorenheit, Glaube und Sinn.

Die religiöse Dimension seines Werkes verbindet ihn eng mit der Werkbund-Phase unter Rudolf Szyszkowitz. 1965 nahm Augustiner an der Ausstellung „religio 65“ im Grazer Künstlerhaus teil.17 Diese Ausstellung war zugleich Jubiläumsausstellung zur 100-Jahr-Feier des Steiermärkischen Kunstvereins und bildete einen Höhepunkt der damaligen Werkbund-Ausstellungstätigkeit.18 Für Augustiner war Religion kein Randthema. Sie war Teil seines Nachdenkens über Mensch, Welt und Bild.

Das zeigt sich auch in seinen schriftlichen Aufzeichnungen, die 1987 teilweise veröffentlicht wurden. Das Österreichische Biographische Lexikon hebt hervor, dass Augustiner in diesen Texten als an Politik, Gesellschaft, Religion und Kirche stark interessierter Künstler sichtbar wird. Kunst verstand er stets im Zusammenhang mit diesen Bereichen.19 Seine Malerei war daher nie bloß Atelierkunst. Sie war eine Form des Denkens mit Farbe und Linie.

1969 übernahm Werner Augustiner die Präsidentschaft des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund.20 Die ausführliche Vereinschronik nennt seine Leitung für die Jahre 1969 bis 1970, in einer Reihe kurz amtierender Präsidenten nach Rudolf Szyszkowitz: Alexander Silveri, Werner Augustiner, Ulf Mayer und Franz W. Scheucher.21 Seine Amtszeit war kurz, steht aber an einer wichtigen Stelle der Vereinsgeschichte. Nach der langen prägenden Phase Szyszkowitz’ wurde der Werkbund von mehreren Künstlerpersönlichkeiten weitergetragen.

Augustiner war in dieser Funktion weniger ein Präsident großer organisatorischer Umbrüche als eine künstlerische Stimme innerhalb des Vereins. Er verkörperte genau jene Spannung, die den Werkbund damals auszeichnete: Bindung an die Figur, Offenheit zur Moderne, religiöse und existenzielle Tiefe, starke Farbe und persönliches Bekenntnis. Seine Präsidentschaft steht für Kontinuität und zugleich für eine individuelle künstlerische Intensität.

Auch über den Werkbund hinaus war Augustiner im steirischen Kunstleben präsent. Er war Mitglied des Werkbundes und ab 1979 auch Mitglied des Künstlerbundes Graz.22 Das Steirische Feuerwehrmuseum zählt ihn neben Künstlerpersönlichkeiten wie Norbertine Bresslern-Roth und Leo Fellinger zu den bedeutenden Vertretern des Künstlerbundes Graz und nennt ihn zugleich als Mitglied des Österreichischen Werkbundes.23

Seine Werke befinden sich heute unter anderem in der Albertina und der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien, im Lentos Kunstmuseum Linz und in der Neuen Galerie Graz.24 Damit ist Augustiner nicht nur als steirischer Künstler zu sehen, sondern als österreichische Position des 20. Jahrhunderts, deren Werk in wichtigen öffentlichen Sammlungen bewahrt wird.

Für den Steiermärkischen Kunstverein Werkbund steht Werner Augustiner für eine Kunst der inneren Wahrnehmung. Er brachte eine leise, aber starke Stimme in den Verein ein: gegenständlich, farbintensiv, religiös berührt und dem Menschen zugewandt. Seine Bilder suchen keine glatte Schönheit. Sie suchen Wahrheit im Sichtbaren — im Körper, in der Landschaft, im Gesicht, in der Farbe, im Zweifel und im Glauben.

Augustiners Bedeutung liegt gerade darin, dass er die Werkbund-Idee nicht theoretisch formulierte, sondern malerisch lebte. In seinem Werk verbinden sich Ausbildung, Handwerk, geistige Suche und moderne Ausdruckskraft. Er gehört zu jener Generation, durch die der Steiermärkische Kunstverein Werkbund nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem qualitätsbewussten Künstlerverein wurde: verwurzelt in Graz, offen zur Welt und dem Menschen verpflichtet.

Fußnoten

  1. Österreichisches Biographisches Lexikon: „Augustiner, Werner (1922–1986), Maler“, Lebensdaten: geboren am 26. Mai 1922 in Graz, gestorben am 10. Jänner 1986 in Graz. Quelle
  2. Österreichisches Biographisches Lexikon: Hinweis auf Augustiners körperliche Einschränkung und die frühe Anerkennung seines zeichnerischen Talents. Quelle
  3. Österreichisches Biographisches Lexikon: Ausbildung 1936–1940 an der kunstgewerblichen Abteilung der Grazer Höheren Bundes-Gewerbeschule und 1940–1943 an der Staatlichen Meisterschule des Deutschen Handwerks bei Rudolf Szyszkowitz. Quelle
  4. Österreichisches Biographisches Lexikon: Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Karl Sterrer und Albert Paris Gütersloh, Abendakt bei Herbert Boeckl, Diplomprüfung und Aktpreis 1950. Quelle
  5. Österreichisches Biographisches Lexikon: Würdigung des 1942 entstandenen Holzschnitt-Zyklus „Totentanz“. Quelle
  6. Österreichisches Biographisches Lexikon: frühe Ausstellungsbeteiligungen ab 1946 und Verkäufe an private sowie öffentliche Sammlungen, darunter die Albertina. Quelle
  7. Belvedere Sammlung Online: Werner Augustiner, Romstipendium 1954 und Reise in die Türkei, nach Griechenland und Kreta 1956. Quelle
  8. Belvedere Sammlung Online: Werner Augustiner, Aufenthalt in Paris 1960–1965. Quelle
  9. Land Steiermark / Bildungshaus Schloss St. Martin: Ausstellungstext zum 100. Geburtstag Werner Augustiners, zu den Pariser Milieu-Studien und zur Faszination für den „Rand der bürgerlichen Gesellschaft“. Quelle
  10. Belvedere Sammlung Online: Werner Augustiner, seit 1966 wieder in Graz. Quelle
  11. Land Steiermark / Bildungshaus Schloss St. Martin: Werner Augustiner als einer der wichtigsten Vertreter der steirischen Moderne. Quelle
  12. Österreichisches Biographisches Lexikon: Augustiner als gegenständlicher Künstler, aber nicht als „Eiferer“ gegen Gegenstandslosigkeit. Quelle
  13. Österreichisches Biographisches Lexikon: Traditionsbogen von Renaissance bis Expressionismus sowie Bezug auf James Ensor, Georges Rouault und Lovis Corinth. Quelle
  14. Steirisches Feuerwehrmuseum Kunst & Kultur: „Werner Augustiner. Der Maler des zeitlosen Expressionismus“, zu menschlichem Körper, Landschaft, Religion, Gegenständlichkeit, Expressionismus und französischen Fauves. Quelle
  15. Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Aufnahme von Schülern aus dem Umfeld der Kunstgewerbeschule in den Kunstverein, darunter Werner Augustiner.
  16. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Bildung der Sektion „Werkbund“ innerhalb des Steiermärkischen Kunstvereins im Jahr 1952.
  17. Hofgalerie / Steiermarkhof: Einladung zur Gedenkausstellung und Buchpräsentation „90 Jahre Werner Augustiner“, Ausstellungsnachweis „Religio 65“, Grazer Künstlerhaus. Quelle
  18. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung „religio 65“ als Jubiläumsausstellung zur 100-Jahr-Feier des Kunstvereins.
  19. Österreichisches Biographisches Lexikon: zu Augustiners Aufzeichnungen und seinem Interesse an Politik, Gesellschaft, Religion, Kirche und Kunst. Quelle
  20. Österreichisches Biographisches Lexikon: Augustiner als Mitglied des Werkbunds und Präsident 1969. Quelle
  21. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Leitung des Werkbundes durch Werner Augustiner 1969–1970 und zur Abfolge nach Rudolf Szyszkowitz.
  22. Österreichisches Biographisches Lexikon: Mitgliedschaft im Werkbund und ab 1979 im Künstlerbund Graz. Quelle
  23. Steirisches Feuerwehrmuseum Kunst & Kultur: Augustiner als bedeutender Vertreter des Künstlerbundes Graz und als Mitglied des Österreichischen Werkbundes. Quelle
  24. Österreichisches Biographisches Lexikon: Werke in Albertina, Österreichischer Galerie Belvedere, Lentos Kunstmuseum Linz und Neuer Galerie Graz. Quelle