Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Suida
* 25. April 1877 † 29. Oktober 1959
Im Werkbund
1877–1959 | Kunsthistoriker, Galeriedirektor, Universitätsprofessor und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Emil Suida, später auch William Suida, zählt zu den bedeutenden Kunsthistorikern, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Graz wirkten. Er wurde am 25. April 1877 in Neunkirchen in Niederösterreich geboren und starb am 29. Oktober 1959 in New York.1 Sein wissenschaftliches Leben war der Kunstgeschichte gewidmet, besonders der italienischen Malerei der Renaissance, des Manierismus und des Barock. Für die Steiermark wurde er vor allem durch seine Tätigkeit am Joanneum, an der Universität Graz und als Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins prägend.
Suida studierte zunächst ab 1895 in Leipzig Jus, wechselte jedoch bald zur Kunstgeschichte. 1896 nahm er in Heidelberg das Studium bei Henry Thode auf, bei dem er 1899 mit einer Arbeit über die Genredarstellungen Albrecht Dürers promovierte.2 Danach führten ihn wissenschaftliche Stationen nach Florenz und Wien. In Wien habilitierte er sich mit einer Studie über die florentinische Malerei des Trecento und wirkte als Privatdozent.3 Bereits in seinen frühen Publikationen zeigte sich nicht nur ein wissenschaftliches Interesse an Kunstwerken, sondern auch ein ausgeprägtes Bewusstsein für Sammlung, Vermittlung und Ausstellung.
1910 wurde Suida zum Direktor der Landesbildergalerie des Joanneums in Graz bestellt.4 Das Universalmuseum Joanneum hebt hervor, dass mit seiner Ernennung die Ära der Kunsthistoriker an der Bildergalerie begann: Waren zuvor überwiegend Künstlerpersönlichkeiten mit der Leitung betraut gewesen, so wurde nun erstmals ein wissenschaftlich ausgebildeter Kunsthistoriker an die Spitze der Sammlung gestellt.5
Diese Tätigkeit war für die steirische Museumslandschaft von großer Bedeutung. Unter Suida kam es ab 1910 zur Vereinigung, Neuordnung und Neuaufstellung der Kunstbestände des Landes Steiermark nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten.6 Die Bestände des Joanneums und der Landesbildergalerie wurden zusammengeführt, geordnet und neu bewertet. Sein 1923 erschienener Katalog der „Landesbildergalerie und Skulpturensammlung in Graz“ gilt bis heute als wichtige Quelle für die Sammlungsforschung.7
Suida war damit nicht nur ein akademischer Kunsthistoriker, sondern auch ein Museumsreformer. Er suchte eine klare, wissenschaftlich begründete Ordnung der Sammlung und wandte sich gegen eine bloß dichte, historisch gewachsene Hängung. Ziel war eine übersichtlichere und didaktisch verständlichere Präsentation qualitätvoller Werke.8 Diese Haltung entsprach seinem Verständnis von Kunstgeschichte als öffentlicher Bildungsaufgabe: Kunst sollte nicht nur bewahrt, sondern durch Forschung, Ordnung und Vermittlung neu lesbar gemacht werden.
Seit 1911 unterrichtete Suida außerdem als außerordentlicher Professor an der Grazer Lehrkanzel für Kunstgeschichte.9 Damit verband er drei für die steirische Kunstlandschaft zentrale Bereiche: Universität, Museum und Öffentlichkeit. Gerade diese Verbindung machte ihn auch für den Steiermärkischen Kunstverein zu einer wichtigen Persönlichkeit.
1919 wurde Wilhelm Suida zum Präsidenten des Steiermärkischen Kunstvereins gewählt.10 Seine Amtszeit fiel in die unmittelbare Nachkriegszeit, in der die Vereinstätigkeit nach den Einschränkungen des Ersten Weltkrieges wieder aufgenommen werden musste. Die wirtschaftliche Lage war schwierig, größere Ausstellungsprojekte waren kaum finanzierbar, und auch die Beschaffung auswärtiger Exponate war stark erschwert.11
Unter diesen Bedingungen setzte Suida zunächst auf die dem Kunstverein angehörige heimische Künstlerschaft. Zu den ausstellenden Vereinsmitgliedern zählten in dieser Zeit unter anderem Marie Baselli, Norbertine Bresslern-Roth, Grete Donnersberg, Marta Elisabet Fossel, Fritz Hönel, Friederike Koch-Langentreu, Emmy von Paungarten, Alfred und Hans Schrötter, Emmy Singer und Karl Voglar.12 Damit blieb der Kunstverein auch in einer wirtschaftlich angespannten Zeit ein wichtiger Präsentationsort für steirische Künstlerinnen und Künstler.
Gleichzeitig verfolgte Suida nicht nur eine gegenwartsbezogene Ausstellungspolitik. Neben den Werken lebender Künstler wurden auch Retrospektiven und Gedächtnisausstellungen heimischer Künstler veranstaltet. Im Frühjahr 1919 widmete der Verein dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Grafiker Franz Hofer und dem 1916 verstorbenen Leo Grimm kleinere Gedächtnisausstellungen. Ebenfalls 1919 wurde das künstlerische Werk Ernst Christian Mosers gewürdigt; 1920 zeigte man anlässlich des hundertsten Geburtstages von Ferdinand Mallitsch eine größere Kollektion seiner Arbeiten.13
Suidas Präsidentschaft war also von einem doppelten Blick geprägt: Er unterstützte die lebende steirische Künstlerschaft, zugleich verstand er die Kunst der Gegenwart aus der geschichtlichen Entwicklung heraus. Der Kunstverein wurde unter seiner Leitung zu einem Ort, an dem zeitgenössische Kunst, regionale Erinnerung und kunsthistorische Bildung miteinander verbunden wurden.
Besonders wichtig war Suidas offene Haltung gegenüber neuen künstlerischen Gruppierungen. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in der Steiermark neue Bewegungen, die eine Erneuerung der bildenden und angewandten Kunst anstrebten. 1919 wurde der Verein „Freiland, Bund werktätiger Künstler und Kunstfreunde Steiermarks“, auch „Werkbund Freiland“ genannt, gegründet.14 Zu seinen bildenden Künstlern gehörten unter anderem Fritz Silberbauer, Norbertine Bresslern-Roth, Marta Elisabet Fossel, Igo Klemencic, Axl Leskoschek, Pipo Peteln, Paul Schmidtbauer, Emmy Singer, Oskar Stollberg und Hanns Wagula.15
Der Steiermärkische Kunstverein verhielt sich diesen neuen Strömungen gegenüber nicht abwehrend, sondern unterstützend. Die Vereinschronik betont ausdrücklich, dass der Kunstverein neuen künstlerischen Gruppierungen gegenüber eine tolerante und meist sogar hilfreiche Haltung einnahm.16 Im Frühjahr 1920 konnte der Werkbund Freiland in den Räumen des Steiermärkischen Kunstvereins seine erste Ausstellung veranstalten; 1921 folgten zwei weitere Freiland-Ausstellungen gemeinsam mit jenen des Kunstvereins.17
Gerade dieser Punkt macht Suida für die Geschichte des späteren Werkbundes besonders interessant. Noch bevor der Werkbund im Steiermärkischen Kunstverein 1952 institutionell neu Gestalt annahm, wurde unter Suida bereits ein früher Werkbund-Impuls innerhalb des Grazer Kunstlebens sichtbar. Der Kunstverein blieb dabei seinem Bildungsauftrag treu, öffnete sich aber zugleich für neue Formen künstlerischer Selbstorganisation.
Einen Höhepunkt seiner Präsidentschaft bildete die Ausstellung „moderner Druckgraphik“ im Frühjahr 1922. Durch Suidas gute Beziehungen zu Wiener Museen und mit finanzieller Unterstützung der 1921 gegründeten Gesellschaft zur Förderung der Künste konnte der Steiermärkische Kunstverein Werke aus den Beständen der Albertina nach Graz bringen.18 Gezeigt wurden unter anderem Arbeiten von Ernst Barlach, Max Beckmann, Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Vincent van Gogh, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Henri Matisse, Emil Nolde, Pablo Picasso, Egon Schiele und Max Slevogt.19
Diese Ausstellung war für Graz von besonderer Bedeutung. Sie brachte zentrale Positionen der europäischen Moderne in die Steiermark und machte sichtbar, dass der Kunstverein trotz schwieriger Nachkriegsverhältnisse nicht provinziell dachte. Suidas wissenschaftliche und museale Netzwerke wurden unmittelbar für das Grazer Publikum fruchtbar. Die Vereinschronik fasst seine Amtszeit daher ausdrücklich positiv zusammen: Trotz schlechter wirtschaftlicher Bedingungen habe der Kunstverein unter Suida qualitativ hochstehende Ausstellungen veranstaltet, die seine aufgeschlossene Haltung gegenüber modernen künstlerischen Strömungen deutlich machten.20
Wilhelm Suida steht in der Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins für eine kurze, aber sehr wirkungsvolle Phase der Wiederbelebung nach dem Ersten Weltkrieg. Er verband wissenschaftliche Präzision mit öffentlicher Kunstvermittlung, regionale Verantwortung mit internationalem Horizont und historische Sammlungspflege mit Offenheit gegenüber der Moderne. Seine Präsidentschaft bereitete den Boden für jene tolerante Haltung gegenüber neuen Künstlergruppen, die unter Heinrich Wastian fortgeführt wurde und später für die Entwicklung des Werkbund-Gedankens im Verein wesentlich blieb.
Für die Steiermark war Suida eine Brückenfigur: zwischen Universität und Museum, zwischen Kunstgeschichte und Ausstellungspraxis, zwischen alter Kunst und moderner Grafik, zwischen regionaler Künstlerschaft und europäischer Moderne. Sein Wirken zeigt den Steiermärkischen Kunstverein als eine Institution, die Kunst nicht nur bewahrte, sondern in schwierigen Zeiten aktiv sichtbar machte und neue Entwicklungen ermöglichte.
Fußnoten
- Universität Wien, „650 plus“: „William (Wilhelm) Suida, o. Prof. Dr. phil.“, Lebensdaten 25.4.1877–29.10.1959, geboren in Neunkirchen, gestorben in New York. Quelle ↩
- Antonie Rita Wiedemann: „Wilhelm Suida als Direktor der Landesbilder- und Skulpturengalerie des Joanneums 1910–1921“, Museumsakademie Joanneum; Angaben zu Studium, Heidelberg und Dissertation über Albrecht Dürer. Quelle ↩
- Wiedemann: „Wilhelm Suida als Direktor der Landesbilder- und Skulpturengalerie des Joanneums 1910–1921“, zu Florenz, Wien, Habilitation und Privatdozentur. Quelle ↩
- Wiedemann: „Wilhelm Suida als Direktor der Landesbilder- und Skulpturengalerie des Joanneums 1910–1921“, zur Bestellung Suidas als Direktor der Landesbildergalerie 1910. Quelle ↩
- Universalmuseum Joanneum, Alte Galerie: Geschichte der Sammlung; Wilhelm Suida 1910–1921 als erster Kunsthistoriker als Leiter der Bildergalerie. Quelle ↩
- Universalmuseum Joanneum, Alte Galerie: Vereinigung, Neuordnung und Neuaufstellung der Kunstbestände des Landes Steiermark unter Wilhelm Suida ab 1910. Quelle ↩
- Universalmuseum Joanneum, Alte Galerie: Hinweis auf Suidas Katalog der „Landesbildergalerie und Skulpturensammlung“ von 1923 als bis heute wichtige Quelle für die Sammlungsforschung. Quelle ↩
- Wiedemann: „Wilhelm Suida als Direktor der Landesbilder- und Skulpturengalerie des Joanneums 1910–1921“, zur wissenschaftlich und didaktisch durchdachten Neuordnung der Sammlung. Quelle ↩
- Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt zu Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Suida; dort Hinweis auf seine Tätigkeit seit 1911 als außerordentlicher Professor an der Grazer Lehrkanzel für Kunstgeschichte. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Wahl Suidas zum Präsidenten des Steiermärkischen Kunstvereins im Jahr 1919. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur schlechten wirtschaftlichen und finanziellen Lage in den ersten Nachkriegsjahren. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den ausstellenden Vereinsmitgliedern unter Suida. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Gedächtnisausstellungen für Franz Hofer, Leo Grimm, Ernst Christian Moser und Ferdinand Mallitsch. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Gründung von „Freiland, Bund werktätiger Künstler und Kunstfreunde Steiermarks“ im Jahr 1919. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den bildenden Künstlern des Werkbundes Freiland. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur toleranten und unterstützenden Haltung des Kunstvereins gegenüber neuen künstlerischen Strömungen und Gruppierungen. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Freiland-Ausstellungen 1920 und 1921 in Verbindung mit dem Steiermärkischen Kunstverein. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung „moderner Druckgraphik“ aus Albertina-Beständen im Frühjahr 1922 und zur Unterstützung durch die Gesellschaft zur Förderung der Künste. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Künstlerliste der Ausstellung moderner Druckgraphik 1922. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zusammenfassende Würdigung der Ausstellungen unter Suida. ↩
