Ehemaliger Präsident

Univ. Prof. Dr. Wihlhelm Gurlitt

Präsident 1900 – 1905

* 7. März 1844† 13. Februar 1905

Im Werkbund

Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Gurlitt

1844–1905 | Klassischer Archäologe, Universitätsprofessor, Denkmalpfleger und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins

Univ.-Prof. Dr. August Franz Christian Wilhelm Gurlitt gehört zu den bedeutenden Persönlichkeiten des Grazer Kunst- und Wissenschaftslebens um 1900. Er wurde am 7. März 1844 in Rom geboren und starb am 13. Februar 1905 in Graz.1 Als Sohn des Landschaftsmalers Louis Gurlitt wuchs er in einer Familie auf, in der Kunst nicht bloß Gegenstand der Betrachtung, sondern Teil des geistigen Lebens war. Diese Herkunft prägte auch seinen späteren Blick auf die Gegenwartskunst: Gurlitt war Wissenschaftler, aber kein Gelehrter im abgeschlossenen akademischen Raum. Er verstand Kunst als lebendige Kraft einer Gesellschaft.

Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn über Bonn und Göttingen zur Klassischen Philologie und Archäologie. 1867 promovierte er zum Dr. phil.; anschließend bereiste er unter anderem Portugal, Spanien, Italien und Griechenland.2 1877 wurde Gurlitt an die Universität Graz berufen, wo er zunächst als außerordentlicher Professor für Klassische Archäologie tätig war. 1890 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt.3 Er zählt damit zu den prägenden Gestalten der frühen Grazer Archäologie.

An der Universität Graz war Gurlitt maßgeblich an der Entwicklung der archäologischen Sammlung beteiligt. Mit seiner Berufung im Jahr 1877 übernahm er wesentliche Teile des Archäologischen Cabinets; seit 1894 führte die Sammlung die Bezeichnung „Archäologisches Institut“.4 Neben seiner universitären Tätigkeit wirkte er auch als Konservator der Zentralkommission für Kunst und historische Denkmalpflege.5 Damit stand er an einer Schnittstelle von Wissenschaft, Museum, Denkmalpflege und öffentlicher Kunstvermittlung.

Für den Steiermärkischen Kunstverein wurde Wilhelm Gurlitt nach dem Rücktritt von Dr. Moritz Ritter von Schreiner zu einer entscheidenden Gestalt. Als Schreiner im Jahr 1900 aus Altersgründen die Präsidentschaft zurücklegte, wurde Gurlitt zu seinem Nachfolger gewählt.6 Seine Präsidentschaft dauerte nur wenige Jahre, bis zu seinem Tod im Februar 1905, doch sie markiert eine der wichtigsten Modernisierungsphasen in der Geschichte des Vereins.

Gurlitt brachte einen anderen Geist in den Kunstverein. Während Schreiner vor allem die wirtschaftlichen und institutionellen Grundlagen des Vereins gefestigt hatte, suchte Gurlitt stärker den Anschluss an die lebendige Kunst seiner eigenen Zeit. Die Vereinschronik betont ausdrücklich, dass Gurlitt als Sohn eines Künstlers ein starkes Interesse an zeitgenössischer Kunst hatte. Dieses persönliche Interesse wurde unter seiner Präsidentschaft zu einem Programm: Der Steiermärkische Kunstverein sollte nicht nur bewahren, sondern auch neue künstlerische Strömungen sichtbar machen.7

Ein zentrales Ziel Gurlitts war die Erneuerung des Ausstellungswesens. Er wollte Graz stärker mit den führenden Kunstzentren verbinden, vor allem mit München. Dort hatten sich um 1900 bedeutende moderne Künstlergruppen formiert, die auch für die steirische Kunstszene neue Impulse geben konnten. Unter Gurlitt begann der Kunstverein, geschlossene Künstlergruppen zu zeigen, statt bloß lose zusammengestellte Verkaufs- und Sammelausstellungen zu präsentieren.8

Ebenso wichtig war ihm die Gestaltung der Ausstellungen als Gesamteindruck. Die Räume sollten nicht bloß neutrale Hängungsorte sein, sondern mit den gezeigten Werken eine künstlerische Einheit bilden. Dafür wurde häufig der Architekt Dr. Leo Cerny, Professor an der Technischen Hochschule Graz, herangezogen. Ziel war eine größere Übersichtlichkeit, eine geschlossene Wirkung und ein zeitgemäßes Ausstellungsambiente.9 Damit nahm der Kunstverein unter Gurlitt eine Entwicklung vorweg, die heute selbstverständlich erscheint: Ausstellungsgestaltung wurde selbst zu einem Teil der Kunstvermittlung.

Besonders bedeutend war die Ausstellung im Frühjahr 1901. Sie wurde damals als „ganz zeitgerechte Ausstellung“ bezeichnet und zeigte Künstler der führenden Münchner Künstlervereinigungen „Jugend“ und „Scholle“ sowie der Gruppe „Neu-Dachau“. Ergänzt wurde sie durch Plastiken von Franz von Stuck, Constantin Meunier und dem damals in Graz lebenden spanischen Bildhauer Paco Durrio beziehungsweise Mogrobejo sowie durch moderne Möbel und kunstgewerbliche Arbeiten.10 Diese Ausstellung wurde von mehr als 7.000 Besucherinnen und Besuchern gesehen und erreichte damit den bis dahin größten Zuspruch einer Kunstausstellung in Graz.11

Auch die Wiener Moderne fand unter Gurlitt Eingang in das Programm des Steiermärkischen Kunstvereins. Im Herbst 1900 beziehungsweise im Umfeld seiner ersten Amtszeit zeigte der Verein Arbeiten der Wiener Secession und ihres Ehrenpräsidenten Rudolf von Alt. 1901 stellte der Kunstverein Mitglieder des Wiener Hagenbundes vor, einer 1900 gegründeten Künstlervereinigung, die zwischen akademischer Tradition und moderner Erneuerung stand.12

Zu Gurlitts wichtigsten Impulsen zählt seine Rolle bei der Berufung Paul Schad-Rossas nach Graz. Schad-Rossa kam aus München und vertrat einen progressiven Jugendstil, der in Graz sowohl Faszination als auch Widerstand auslöste. Die Forschung zur „Grazer Zeitkunst“ nennt Gurlitt als treibende Kraft hinter dieser Berufung: Im September 1900 wurde Schad-Rossa auf seine Initiative nach Graz geholt, um die modernen Bestrebungen in der Stadt zu stärken.13 Der Steiermärkische Kunstverein wurde damit zu einem wichtigen Ort der frühen Moderne in Graz.

Schad-Rossa gründete in Graz eine Kunstschule, den Grazer Künstlerbund und 1901 die Zeitschrift „Grazer Kunst“, von der jedoch nur eine Nummer erschien.14 Auch wenn Schad-Rossas Grazer Wirkung zeitlich begrenzt blieb, setzte sie einen wichtigen Impuls. Unter Gurlitts Präsidentschaft wurde deutlich, dass moderne Kunst nicht nur in Wien oder München stattfand, sondern auch in Graz einen Resonanzraum finden konnte.

Die Vereinschronik hält fest, dass unter Gurlitts kurzer Präsidentschaft insgesamt vierzehn Ausstellungen veranstaltet wurden.15 Nach den besonders modernen Akzenten des ersten Jahres wandte sich der Verein auch wieder breiteren kunstpädagogischen Themen zu. Gezeigt wurden Arbeiten von Kunstfreunden, Kopien und Fotografien nach alten Meistern wie Donatello, Luca della Robbia, Michelangelo, Velázquez und Goya, aber auch Ausstellungen zeitgenössischer Grafik, Werke der Münchner Gruppe „Scholle“ und erstmals auch Kunstfotografie.16

Erwähnenswert ist auch die 100. Vereinsausstellung im Jahr 1903, die Gemälde zur „Geschichte Österreichs“ präsentierte. Sie verband historische Themen mit öffentlicher Kunstvermittlung und zeigte, dass Gurlitts Moderne nicht als Bruch mit Geschichte zu verstehen war. Vielmehr verstand er Vergangenheit und Gegenwart als miteinander verbunden: Der Archäologe Gurlitt wusste um den Wert historischer Kunst, doch er stellte ihr die lebendige Kunst der eigenen Zeit zur Seite.

Über seine persönlichen Beziehungen nach München konnte Gurlitt zudem bedeutende Kontakte für Graz nutzbar machen. Die Chronik betont, dass es nicht zuletzt diesen Beziehungen zu verdanken war, dass Alfred Schrötter-Kristelli, der gemeinsam mit Adolf Hölzel in Dachau neue Methoden des Kunstunterrichts entwickelt hatte, als Leiter einer Meisterklasse an der Grazer Zeichenakademie gewonnen werden konnte.17 Damit wirkte Gurlitts Einfluss über den Kunstverein hinaus auch in die künstlerische Ausbildung hinein.

Wilhelm Gurlitt steht in der Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins für eine kurze, aber außerordentlich wirksame Phase der Öffnung. Er verband wissenschaftliche Autorität mit persönlicher Kunstleidenschaft, archäologische Bildung mit Interesse an der Gegenwart, Denkmalpflege mit künstlerischer Erneuerung. Unter seiner Präsidentschaft wurde der Kunstverein zu einem Ort, an dem die Moderne in Graz sichtbar, diskutierbar und öffentlich erfahrbar wurde.

Für die Steiermark war Gurlitt damit mehr als ein Universitätsprofessor. Er war ein Vermittler zwischen Universität, Museum, Künstlern und Publikum. Sein Wirken zeigt, dass der Steiermärkische Kunstverein schon um 1900 nicht nur eine bewahrende Institution war, sondern ein Forum für neue künstlerische Entwicklungen. Gurlitts Name steht bis heute für jenen Moment, in dem der Verein den Anschluss an die europäische Moderne suchte und Graz als Kunststadt einen neuen Horizont eröffnete.

Fußnoten

  1. Österreichisches Biographisches Lexikon: „Gurlitt, Wilhelm (1844–1905), Archäologe“. Quelle
  2. Österreichisches Biographisches Lexikon: Angaben zu Studium, Promotion und Forschungsreisen Wilhelm Gurlitts. Quelle
  3. Universität Graz, Museum und Sammlungen des Instituts für Antike: „Die Ära Gurlitt“, Berufung 1877 und Ernennung zum Ordinarius 1890. Quelle
  4. Universität Graz, Museum und Sammlungen des Instituts für Antike: Geschichte der archäologischen Sammlung und Bezeichnung „Archäologisches Institut“ seit 1894. Quelle
  5. Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt zu Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Gurlitt; dort auch Hinweis auf Gurlitts Tätigkeit als Konservator der Zentralkommission für Kunst und historische Denkmalpflege.
  6. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Wahl Gurlitts nach dem Rücktritt Dr. Moritz Ritter von Schreiners im Jahr 1900.
  7. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Gurlitts Herkunft als Sohn des Landschaftsmalers Louis Gurlitt und seinem Interesse an zeitgenössischer Kunst.
  8. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur angestrebten Verbindung mit München und zur Präsentation geschlossener Künstlergruppen.
  9. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur architektonisch-künstlerischen Ausgestaltung der Ausstellungsräume durch Dr. Leo Cerny.
  10. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung 1901 mit „Jugend“, „Scholle“ und „Neu-Dachau“.
  11. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Besucherzahl der Ausstellung 1901: mehr als 7.000 Personen.
  12. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Ausstellungen der Wiener Secession, Rudolf von Alt und des Wiener Hagenbundes.
  13. Austria-Forum / AustriaWiki: „Grazer Zeitkunst“, zur Initiative Wilhelm Gurlitts, Paul Schad-Rossa im September 1900 nach Graz zu berufen. Quelle
  14. Austria-Forum / AustriaWiki: „Grazer Zeitkunst“, zu Schad-Rossas Kunstschule, dem Grazer Künstlerbund und der Zeitschrift „Grazer Kunst“. Quelle
  15. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Zahl von vierzehn Ausstellungen unter Gurlitts Präsidentschaft.
  16. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Ausstellungen mit Kunstfreunden, alten Meistern, zeitgenössischer Grafik, „Scholle“ und Kunstfotografie.
  17. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Gurlitts Münchner Beziehungen und zur Berufung Alfred Schrötter-Kristellis an die Grazer Zeichenakademie.