Ehemaliger Präsident

Hofrat Heinrich Wastian

Präsident 1922 – 1931

* 3.3..1873† 1.9.1931

Im Werkbund

Hofrat Heinrich Wastian

1873–1931 | Schriftsteller, Kulturpolitiker, Landeskunstreferent und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins

Hofrat Heinrich Wastian gehört zu jenen Persönlichkeiten, die das steirische Kulturleben der Zwischenkriegszeit wesentlich mitprägten. Nach den biografischen Angaben des Österreichischen Parlaments wurde er am 3. März 1873 geboren und starb am 1. September 1931.1 Er war Schriftsteller, Kulturpolitiker und als öffentlicher Funktionsträger eng mit der kulturellen Entwicklung der Steiermark verbunden. Im österreichischen Abgeordnetenhaus war er von 1911 bis 1914 Mitglied des Deutschen Nationalverbandes beziehungsweise der Deutschen Volkspartei.2

Für die Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins ist Wastian vor allem als Präsident in den Jahren 1922 bis 1931 von Bedeutung.3 Er übernahm die Leitung des Vereins nach Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Suida und führte dessen offene Haltung gegenüber neuen künstlerischen Bewegungen weiter. Die Vereinschronik hebt ausdrücklich hervor, dass die bereits unter Suida geübte Toleranz und Hilfsbereitschaft gegenüber neuen Gruppierungen unter Wastian zur Maxime des Kunstvereins wurde.4

Wastian war dabei nicht nur Vereinspräsident, sondern auch kulturpolitisch wirksam. Als Landeskunstreferent unterstützte er wichtige institutionelle Entwicklungen im steirischen Kunst- und Museumswesen. Das Jahrbuch des Landesmuseums Joanneum hält fest, dass 1920 dank seiner tatkräftigen Förderung eine Landesrestaurieranstalt gegründet wurde. Diese stand unter der Leitung des akademischen Malers Friedrich Richter-Binnenthal und diente der fachgerechten Pflege alter Kunstobjekte.5 1921 folgte die Gründung der steirischen Gesellschaft zur Förderung der Künste, die Werke lebender steirischer Künstler ankaufte und der Gemäldegalerie zur Aufstellung übergab.6

Diese Verbindung von Kulturpolitik, Museumspflege und lebendiger Kunstförderung kennzeichnet Wastians Wirken. Er verstand Kunst nicht nur als Ausstellungsgut, sondern als Teil eines größeren kulturellen Zusammenhangs: Bewahrung, Restaurierung, Sammlung, Förderung zeitgenössischer Künstler und öffentliche Vermittlung gehörten für ihn zusammen.

In seine Präsidentschaft fiel eine der folgenreichsten Entwicklungen des Grazer Kunstlebens der 1920er-Jahre: die Bildung der Grazer Sezession innerhalb des Steiermärkischen Kunstvereins. Bei der Herbstausstellung 1923, an der auch Wilhelm Thöny und Alfred Wickenburg teilnahmen, entstand der Entschluss, innerhalb des Kunstvereins eine Sezession zu bilden. Initiator war Fritz Silberbauer, der bereits beim Werkbund Freiland eine wichtige Rolle gespielt hatte.7

Zu den Gründungsmitgliedern der Sezession gehörten neben Wilhelm Thöny und Alfred Wickenburg unter anderem Erich Hönig von Hönigsberg, Igo Klemencic, Dr. Axl Leskoschek, Paul Schmidtbauer und Hanns Wagula.8 Unter der Präsidentschaft Wilhelm Thönys widmete sich die Sezession der Pflege moderner, qualitätvoller Kunst. Ihre rege Ausstellungstätigkeit machte sie rasch zu einem wichtigen Faktor im steirischen Kunstleben.

Bemerkenswert ist, dass der Steiermärkische Kunstverein diese neue Künstlergruppe nicht ausgrenzte, sondern institutionell aufnahm. Die Sezession gehörte bis 1926 als Zweigverband dem Kunstverein an.9 Damit zeigte sich unter Wastian eine Haltung, die für die weitere Geschichte des Vereins wesentlich blieb: Der Kunstverein verstand sich nicht als starre Institution, sondern als Raum, in dem unterschiedliche künstlerische Richtungen nebeneinander bestehen konnten, sofern sie einem ernsthaften Qualitätsanspruch folgten.

Auch andere künstlerische Neuformierungen der Zeit standen in diesem Umfeld. 1925 entstand der Künstlerbund Graz, der sich aus einer Abspaltung von der Genossenschaft bildender Künstler entwickelte. Sein Ziel war es, künstlerisches Schaffen unabhängig von Stilrichtung zu unterstützen, sofern es qualitativ einwandfrei war.10 Bereits 1923 war außerdem der Steiermärkische Werkbund gegründet worden, der durch die Zusammenarbeit von Kunst, Handwerk und Industrie das steirische Kunstgewerbe erneuern wollte.11 Wastians Präsidentschaft fällt damit in eine besonders bewegte Phase des steirischen Kunstlebens.

Unter Wastian veranstaltete der Steiermärkische Kunstverein eine Reihe qualitativ hochstehender Ausstellungen. Die Frühjahrsausstellung 1924 zeigte beispielhaft seine fortschrittliche und zugleich vermittelnde Kunstauffassung. Sie war in zwei Bereiche gegliedert: Einerseits wurde mit der Sonderschau „Steirische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts“ dem Interesse an älterer steirischer Kunst entsprochen; gezeigt wurden ausgewählte Werke von Josef Kuwasseg und Conrad Kreuzer. Andererseits präsentierte der Verein Radierungen des in Wien lebenden Grazers Alfred Coßmann sowie Werke von Mitgliedern der kurz zuvor gegründeten Sezession.12

Damit verband der Kunstverein Vergangenheit und Gegenwart: die Pflege historischer steirischer Kunst, die Förderung zeitgenössischer heimischer Künstler und die Öffnung gegenüber neuen Ausdrucksformen. Diese programmatische Breite wurde 1925 in der Jubiläumsausstellung „60 Jahre Steiermärkischer Kunstverein“ besonders deutlich. Zu dieser Ausstellung erschien eine von Hofrat Heinrich Wastian verfasste Festschrift.13

Die Jubiläumsausstellung war nach der Vereinschronik bewusst so angelegt, dass sie alle wichtigen Bereiche der Ausstellungstätigkeit des Kunstvereins abdeckte: die Pflege der Kunst der Vergangenheit, die Förderung der zeitgenössischen heimischen Kunst und die Präsentation auswärtiger beziehungsweise internationaler Kunstströmungen. Gezeigt wurden Werke verstorbener steirischer Künstler, Arbeiten lebender Vereinsmitglieder sowie Beiträge der von Wilhelm Thöny geleiteten Sezessionisten. Auch der ältere Mitgliederkreis unter Alfred Schrötter war vertreten; als Gast wurde unter anderem Alfred Kubin begrüßt.14

Die Herbstausstellung 1925, die der Kunstverein gemeinsam mit der Sezession veranstaltete, war ausschließlich auswärtigen Gästen gewidmet. Neben Entwürfen der Architekten Clemens Holzmeister und Peter Behrens wurden Werke der oberösterreichischen Künstlervereinigung „März“ sowie grafische Blätter bedeutender europäischer Künstler wie Lovis Corinth, Oskar Kokoschka, Max Liebermann und Edvard Munch gezeigt.15 Diese Ausstellung macht deutlich, dass der Steiermärkische Kunstverein unter Wastian nicht provinziell dachte, sondern Graz mit überregionalen und internationalen Entwicklungen in Beziehung setzte.

Auch in den folgenden Jahren blieb das Ausstellungsprogramm breit gefächert. 1927 zeigte der Verein Arbeiten Salzburger Künstler, darunter Anton Faistauer, Adolf Helmberger, Wilhelm Kaufmann, Theodor Kern, Tony Angerer und Bruno Berger. Gleichzeitig wurden Schaumünzen des österreichischen Hauptmünzamtes präsentiert.16 1928 widmete man sich anlässlich des 400. Todestages Albrecht Dürers grafischen Werken aus dem Kupferstichkabinett und stellte zugleich Arbeiten der Innviertler Künstlergilde vor.17

1929 präsentierte der Kunstverein in seiner 141. Ausstellung eine Auswahl von Grafiken französischer Impressionisten aus den Beständen der Albertina sowie Werke von Max Beckmann und seiner Frau Minna Tube.18 1931 konnten durch Vermittlung des Herausgebers einer Münchner Kunstzeitschrift, Karl Scheffler, Entwürfe des Architekten Heinrich Tessenow nach Graz gebracht werden. Im selben Jahr veranstaltete der Kunstverein gemeinsam mit dem Künstlerbund eine Ausstellung mit der Sonderschau „Dekorative Malerei“.19

Diese Ausstellungen zeigen Wastian als Präsidenten, der das Selbstverständnis des Kunstvereins breit anlegte. Der Verein sollte nicht nur Ort der heimischen Künstler sein, sondern zugleich eine vermittelnde Institution zwischen alter und neuer Kunst, zwischen steirischer Tradition und europäischer Gegenwart, zwischen Malerei, Grafik, Architektur und Kunstgewerbe.

Die Vereinschronik würdigt Wastian als feinsinnigen Kunstkenner und Förderer, der trotz neuer Vereinsgründungen und materieller Schwierigkeiten den Kunstverein zu einer erneuten Blüte führte.20 Zugleich hielt er an den ursprünglichen Grundsätzen eines umfassenden Bildungs- und Kunstvereins fest. Gerade diese Verbindung ist für sein Wirken entscheidend: Er unterstützte die heimische Künstlerschaft, öffnete den Verein für moderne Bewegungen und bewahrte dennoch den Anspruch, Kunst als öffentliche Bildungsaufgabe zu verstehen.

Für den Steiermärkischen Kunstverein steht Hofrat Heinrich Wastian daher für eine der produktivsten Phasen der Zwischenkriegszeit. Unter seiner Leitung wurde der Verein zum Resonanzraum neuer künstlerischer Gruppierungen, zur Plattform der Grazer Sezession und zugleich zum Träger eines anspruchsvollen Ausstellungsprogramms. Sein Wirken verbindet Kulturpolitik, Kunstförderung und kunsthistorische Vermittlung — und zeigt den Kunstverein als Institution, die Wandel nicht nur zuließ, sondern aktiv mitgestaltete.

Fußnoten

  1. Österreichisches Parlament: „Heinrich Wastian“, Kurzbiografie mit Geburts- und Sterbedatum. Quelle
  2. Österreichisches Parlament: „Heinrich Wastian“, Mitglied des Abgeordnetenhauses, Deutscher Nationalverband / Deutsche Volkspartei, 17.07.1911–18.06.1914. Quelle
  3. Interne Präsidentenliste des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund: „1922–1931 Heinrich Wastian“.
  4. Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt „Hofrat Heinrich Wastian“, zur Übernahme der Präsidentschaft 1922 und zur Weiterführung der toleranten Haltung gegenüber neuen Gruppierungen.
  5. Jahrbuch des Landesmuseums Joanneum 1918–1923, zur Gründung einer Landesrestaurieranstalt 1920 dank der Förderung des Landeskunstreferenten Hofrat Heinrich Wastian. Quelle
  6. Jahrbuch des Landesmuseums Joanneum 1918–1923, zur Gründung der steirischen Gesellschaft zur Förderung der Künste 1921 und zum Ankauf von Werken lebender steirischer Künstler. Quelle
  7. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Herbstausstellung 1923 und zur Bildung der Sezession innerhalb des Kunstvereins.
  8. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Gründungsmitgliedern der Sezession.
  9. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Sezession als Zweigverband des Kunstvereins bis 1926.
  10. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Gründung des Künstlerbundes Graz 1925 und dessen Qualitätsanspruch unabhängig von Stilrichtungen.
  11. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Gründung des Steiermärkischen Werkbundes 1923 durch Ferdinand Pamberger.
  12. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Frühjahrsausstellung 1924 mit „Steirische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts“, Alfred Coßmann und Werken der Sezession.
  13. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Jubiläumsausstellung „60 Jahre Steiermärkischer Kunstverein“ und zur von Heinrich Wastian verfassten Festschrift.
  14. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur programmatischen Anlage der Jubiläumsausstellung 1925 und zur Beteiligung von Alfred Kubin.
  15. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Herbstausstellung 1925 mit Holzmeister, Behrens, der Künstlervereinigung „März“ und Blättern von Corinth, Kokoschka, Liebermann und Munch.
  16. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung Salzburger Künstler und der Schaumünzen des österreichischen Hauptmünzamtes 1927.
  17. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Dürer-Ausstellung 1928 und zur Innviertler Künstlergilde.
  18. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur 141. Ausstellung 1929 mit Grafiken französischer Impressionisten aus der Albertina sowie Werken von Max Beckmann und Minna Tube.
  19. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Heinrich Tessenow 1931 und zur gemeinsamen Ausstellung mit dem Künstlerbund samt Sonderschau „Dekorative Malerei“.
  20. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zusammenfassende Würdigung Wastians als Kunstkenner und Förderer.