Hofrat Dr. Richard Mell – Steiermärkischer Kunstverein Werkbund
Ehemaliger Präsident

Hofrat Dr. Richard Mell

Präsident 1931 – 1938Präsident 1948 – 1950

* 9. April 1881† 22. Mai 1950

Im Werkbund

Hofrat Dr. Richard Mell

1881–1950 | Historiker, Kustos am Joanneum, Kulturbeamter und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins

Hofrat Dr. Richard Mell gehört zu jenen Persönlichkeiten, die den Steiermärkischen Kunstverein durch zwei besonders schwierige Phasen führten: durch die wirtschaftlich und politisch angespannte Zeit der 1930er-Jahre und durch den Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde am 9. April 1881 in Salzburg geboren und starb am 22. Mai 1950 in Graz.1 Als Historiker, Museumsmann und Kulturbeamter verband er wissenschaftliche Genauigkeit mit einem wachen Verständnis für die Bedürfnisse der steirischen Kunstszene.

Mell stammte aus einem künstlerisch geprägten Umfeld. Sein Vater Karl Mell war akademischer Maler.2 Richard Mell selbst studierte in Graz Rechtswissenschaften und Geschichte; 1903 bis 1905 war er Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung in Wien und promovierte 1906 an der Universität Graz zum Dr. phil.3 Diese Verbindung von rechtlichem, historischem und kulturwissenschaftlichem Denken prägte auch sein späteres Wirken im öffentlichen Kulturbereich.

Nach seinem Studium war Mell als Kustos am Landesmuseum Joanneum tätig, wo er das Münzkabinett und das Antikenkabinett betreute.4 Damit stand er früh an einer Schnittstelle, die für sein gesamtes Wirken wichtig blieb: zwischen Sammlung, wissenschaftlicher Ordnung und öffentlicher Vermittlung. 1911 trat er als Konzeptsbeamter in den Dienst der k. k. Statthalterei in Graz ein; 1923 wurde er Hofrat.5

Besonders bedeutsam wurde Mells Tätigkeit in der Kulturabteilung der Steiermärkischen Landesregierung, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1936 leitete.6 In dieser Funktion war er nicht nur Verwaltungsbeamter, sondern ein wichtiger Förderer steirischer Künstler. Das Österreichische Biographische Lexikon nennt ihn ausdrücklich einen eifrigen Förderer steirischer Kunst und führt ihn als Präsidenten des Steiermärkischen Kunstvereins in den Jahren 1931–1945 sowie 1948–1950 an.7

Für die Vereinsgeschichte ist dabei zu berücksichtigen, dass der Steiermärkische Kunstverein 1938 durch das nationalsozialistische Regime aufgelöst wurde und seine freie Vereinstätigkeit erst nach dem Krieg wieder aufnehmen konnte.8 Mells Bedeutung liegt daher in einer doppelten Rolle: Er war der letzte Präsident der Vorkriegszeit und zugleich der erste Präsident des wiedererstandenen Kunstvereins nach 1945.

Nach dem Tod Hofrat Heinrich Wastians wurde Richard Mell zum Präsidenten des Steiermärkischen Kunstvereins gewählt.9 Die Vereinschronik beschreibt ihn als Persönlichkeit, die wie Wilhelm Gurlitt aus einem künstlerischen Umfeld kam, aber zugleich durch wissenschaftliche und staatliche Kulturarbeit geprägt war.10 Unter seiner Leitung veränderte sich das Kunstleben spürbar. Die Weltwirtschaftskrise, die zunehmende politische Radikalisierung und die schwieriger werdenden finanziellen Verhältnisse wirkten auch auf die Ausstellungstätigkeit des Vereins ein.

In den frühen 1930er-Jahren rückten die Werke der Vereinsmitglieder stärker in den Vordergrund. Größere und kostspielige Ausstellungen mit auswärtigen Leihgaben wurden seltener. Dennoch gelang es dem Kunstverein, einzelne bemerkenswerte Ausstellungen zu veranstalten. Die Vereinschronik nennt als Ausnahmen unter anderem eine Schau von Aquarellen und Handzeichnungen der Empire- und Biedermeierzeit, eine Gedächtnisausstellung für Max Slevogt im Jahr 1933 mit Unterstützung der Grazer Urania sowie eine Goya-Ausstellung und eine anschließende Grafikschau moderner spanischer Künstler, organisiert von der Gesellschaft der Freunde Spaniens.11

Auch dem Kunstgewerbe wurde in dieser Zeit wieder größere Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Entwicklung stand im Zusammenhang mit einem allgemein wachsenden Interesse am „Bodenständigen“ und „Handwerklichen“, das in den 1930er-Jahren auch kulturpolitisch gefördert wurde.12 Für den Kunstverein bedeutete dies eine Verschiebung seines Profils: Er entwickelte sich immer stärker zu einem Künstlerverein, in dem die ausübenden Künstlerinnen und Künstler eine größere Rolle einnahmen.

Um 1935 gehörten dem Steiermärkischen Kunstverein zahlreiche bedeutende steirische Künstlerinnen und Künstler an. Die Chronik nennt unter anderem Norbertine Bresslern-Roth, Anny Dollschein, Leo Fellinger, Marta Elisabet Fossel, Sepp Gerstenbrand, Emmy Singer-Hießleitner, Paul Kassecker, Friederike Koch-Langentreu, Max Neuböck, Paul Schmidtbauer, Rudolf Szyszkowitz, Sepp Thoma und Julius Wegerer.13 Diese Liste zeigt, dass der Verein trotz schwieriger Zeitumstände ein wichtiger Sammelpunkt der steirischen Künstlerschaft blieb.

Gleichzeitig ging das allgemeine Interesse des Publikums an Kunstausstellungen zurück. Der Verein reagierte darauf mit neuen Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Im September 1936 begann der Steiermärkische Kunstverein mit der Herausgabe eines eigenen Nachrichtenblattes. In den „Nachrichten des Steiermärkischen Kunstvereins“ wurden nicht nur Ausstellungstermine des eigenen Vereins, sondern auch jene anderer Künstlervereinigungen veröffentlicht; außerdem erschienen darin Beiträge zu aktuellen Kunstfragen.14

Dieser Schritt ist für Mells Präsidentschaft bezeichnend. Der Verein versuchte, nicht nur Ausstellungen zu zeigen, sondern den Kontakt zum Publikum zu halten und kunstbezogene Diskussionen anzuregen. Das Nachrichtenblatt war ein Versuch, die Kunstöffentlichkeit in Graz zusammenzuführen und dem nachlassenden Ausstellungsinteresse aktiv entgegenzutreten.

1937 schlug der Steiermärkische Kunstverein sogar die Gründung einer Dachorganisation sämtlicher Künstlervereinigungen vor. Diese sollte die Ausstellungsorganisation übernehmen und Überschneidungen zwischen den einzelnen Schauen vermeiden.15 Der Vorschlag stieß zwar auf Widerstand in der Künstlerschaft, zeigt aber, dass der Verein unter Mell nach strukturellen Lösungen suchte. Es ging nicht nur um einzelne Ausstellungen, sondern um die Ordnung und Zukunft des gesamten Grazer Kunstbetriebs.

In dieser Zeit wollte sich der Kunstverein wieder stärker seinen Aufgaben als Kunst- und Bildungsverein widmen. Er sollte nicht ausschließlich Künstlerverband sein, sondern auch ältere und auswärtige Kunst einem breiteren Publikum vermitteln.16 Darin zeigt sich Mells Nähe zur ursprünglichen Idee des Steiermärkischen Kunstvereins: Kunst sollte nicht nur produziert, sondern verstanden, eingeordnet und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Mit dem Jahr 1938 endete diese Entwicklung abrupt. Wie andere Vereine wurde auch der Steiermärkische Kunstverein vom nationalsozialistischen Regime aufgelöst. In der Zeit von 1938 bis 1945 wurde die steirische Künstlerschaft in der „Kameradschaft steirischer Künstler und Kunstfreunde“ zusammengefasst.17 Für den traditionsreichen Kunstverein bedeutete dies einen tiefen Einschnitt: Seine freie, pluralistische Vereinstätigkeit kam zum Erliegen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste das steirische Kunstleben neu geordnet werden. 1945 wurde die Kameradschaft bildender Künstler aufgelöst; zunächst übernahm die von Leo Scheu geleitete Berufsvereinigung bildender Künstler die Vertretung der Künstlerschaft.18 Die Reaktivierung des Steiermärkischen Kunstvereins erfolgte schließlich 1948. Sie ging vor allem auf die Bemühungen Paul Schmidtbauers zurück, der bereits vor der Auflösung 1938 als Schriftführer des Vereins tätig gewesen war.19

Zum ersten Präsidenten nach der Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit wurde Richard Mell gewählt. Er war damit nicht nur eine Person der Kontinuität, sondern auch ein Zeichen des Neubeginns.20 Die kleine Werkbund-Chronik hält für das Jahr 1948 fest, dass der Steiermärkische Kunstverein im Zuge der Reaktivierung früherer Vereine seine Tätigkeit unter Hofrat Dr. Richard Mell als neuem Präsidenten wieder aufnahm.21

Mit Mell kehrten auch viele frühere Künstlermitglieder in den Verein zurück. Die Chronik nennt unter anderem Norbertine Bresslern-Roth, Leo Fellinger, Marta Elisabet Fossel, Wilhelm Kadletz, Paul Kassecker, Pipo Peteln, Emmy Singer-Hießleitner, Hans Schrötter, Sepp Thoma und Julius Wegerer.22 Gleichzeitig konnten neue Mitglieder gewonnen werden, darunter Fred Hartig, Wladimir Zagorodnikow, Hans Hauke und der Bildhauer Alexander Silveri.23

Die finanziellen Möglichkeiten waren nach dem Krieg stark eingeschränkt. Daher konnte der Kunstverein zunächst vor allem Werke seiner eigenen Mitglieder zeigen.24 Dennoch war die Wiederaufnahme der Ausstellungstätigkeit ein wichtiges Signal. Im Herbst 1949 fand in den Räumen des Landesmuseums Joanneum in der Kalchberggasse eine Kunstvereinsausstellung statt, die unter anderem größere Werkgruppen von Norbertine Bresslern-Roth und Fred Hartig zeigte.25

Richard Mell starb 1950, nur zwei Jahre nach der Wiederbegründung des Vereins. Nach seinem Tod übernahm zunächst Georg Ritter von Bresslern für kurze Zeit Vereinsangelegenheiten, danach trat Primarius Dr. Hans Schipper aus Judenburg an die Spitze des Kunstvereins.26 Mell konnte den Verein daher nicht lange durch die Nachkriegszeit führen. Dennoch war seine Rolle entscheidend: Er stand für die Verbindung zwischen der alten Vereinsgeschichte und dem Neubeginn nach 1945.

Für den Steiermärkischen Kunstverein ist Hofrat Dr. Richard Mell eine Persönlichkeit der Übergänge. Er führte den Verein in den 1930er-Jahren durch wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Spannungen; nach Krieg und Auflösung half er, an die unterbrochene Tradition wieder anzuknüpfen. Als Historiker und Kulturbeamter brachte er Ordnungssinn, institutionelle Erfahrung und ein Verständnis für die kulturelle Bedeutung des Vereins mit.

Mells Wirken erinnert daran, dass Vereinsgeschichte nicht nur aus glanzvollen Ausstellungen besteht, sondern auch aus Bewahrung, Wiederaufbau und Verantwortung in schwierigen Zeiten. Er hielt am Gedanken des Kunstvereins als Bildungs- und Vermittlungsinstitution fest und half mit, den Steiermärkischen Kunstverein nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs wieder in das kulturelle Leben der Steiermark zurückzuführen.

Fußnoten

  1. Österreichisches Biographisches Lexikon: „Mell, Richard (1881–1950), Historiker“, Lebensdaten: geboren am 9. April 1881 in Salzburg, gestorben am 22. Mai 1950 in Graz. Quelle
  2. Österreichisches Biographisches Lexikon: Richard Mell als Sohn des akademischen Malers Karl Mell. Quelle
  3. Österreichisches Biographisches Lexikon: Angaben zu Studium, Institut für Österreichische Geschichtsforschung und Promotion 1906 in Graz. Quelle
  4. Österreichisches Biographisches Lexikon: Richard Mell als Kustos am Landesmuseum Joanneum, Münzkabinett und Antikenkabinett. Quelle
  5. Österreichisches Biographisches Lexikon: Eintritt in den Dienst der k. k. Statthalterei 1911 und Ernennung zum Hofrat 1923. Quelle
  6. Österreichisches Biographisches Lexikon: Leitung der Kulturabteilung der Steiermärkischen Landesregierung bis zur Pensionierung 1936. Quelle
  7. Österreichisches Biographisches Lexikon: Mell als Förderer steirischer Künstler und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins 1931–1945 und 1948–1950. Quelle
  8. Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Auflösung des Kunstvereins im Frühjahr 1938 durch das NS-Regime.
  9. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt „Hofrat Dr. Richard Mell“, zur Wahl Mells nach dem Tod Heinrich Wastians.
  10. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Mells Herkunft aus einem künstlerischen Umfeld sowie zu Jus- und Geschichtsstudium, Joanneum und Kulturabteilung.
  11. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Ausstellungen der frühen 1930er-Jahre, darunter Empire-/Biedermeierzeichnungen, Max-Slevogt-Gedächtnisausstellung, Goya-Ausstellung und moderne spanische Grafik.
  12. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zum wachsenden Interesse am Kunstgewerbe und am „Bodenständigen“ und „Handwerklichen“.
  13. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Mitgliedern des Steiermärkischen Kunstvereins um 1935.
  14. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Herausgabe der „Nachrichten des Steiermärkischen Kunstvereins“ ab September 1936.
  15. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zum Vorschlag einer Dachorganisation sämtlicher Künstlervereinigungen im Jahr 1937.
  16. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur erneuten Betonung der Aufgaben als Kunst- und Bildungsverein.
  17. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Auflösung 1938 und zur „Kameradschaft steirischer Künstler und Kunstfreunde“ in der Zeit von 1938 bis 1945.
  18. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Auflösung der Kameradschaft bildender Künstler 1945 und zur Vertretung durch die Berufsvereinigung bildender Künstler.
  19. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Reaktivierung des Kunstvereins 1948 und zu Paul Schmidtbauer.
  20. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Wahl Richard Mells als erster Präsident nach Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit 1948.
  21. Steiermärkischer Kunstverein Werkbund: Kleine Werkbund-Chronik, Eintrag 1948: Wiederaufnahme der Tätigkeit unter Hofrat Dr. Richard Mell als neuem Präsidenten. Quelle
  22. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den ehemaligen Künstlermitgliedern, die nach der Wiederaufnahme wieder beitraten.
  23. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu neuen Mitgliedern nach 1948, darunter Fred Hartig, Wladimir Zagorodnikow, Hans Hauke und Alexander Silveri.
  24. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur eingeschränkten finanziellen Situation nach 1948 und zur Konzentration auf Werke der Mitglieder.
  25. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung im Herbst 1949 im Landesmuseum Joanneum in der Kalchberggasse mit größeren Kollektionen von Norbertine Bresslern-Roth und Fred Hartig.
  26. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Nachfolge nach Mells Tod durch Georg Ritter von Bresslern und Primarius Dr. Hans Schipper.