Franz W. Scheucher
Professor
† 28.11.2003
Im Werkbund
Volksbildner, Autor, Literaturvermittler und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund
Prof. Dr. Franz W. Scheucher, vollständig Franz Willibald Scheucher, gehört zu jenen Persönlichkeiten des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund, deren Bedeutung weniger in einem eigenen bildkünstlerischen Werk lag als in der Vermittlung von Kunst, Bildung und Literatur. Er war Volksbildner, Autor und eine Persönlichkeit, die Kultur nicht als abgeschlossenen Bereich verstand, sondern als öffentliche Aufgabe. Gerade dadurch nimmt er in der Geschichte des Werkbundes eine besondere Stellung ein.
Der Steiermärkische Kunstverein Werkbund war nach dem Zweiten Weltkrieg immer stärker zu einem aktiven Künstlerverein geworden. Die früheren Bildungsaufgaben des Kunstvereins wurden, wie die Vereinschronik festhält, zunehmend von anderen Einrichtungen wie Urania und Volksbildungsschulen übernommen.1 In diesem Umfeld war Scheucher als Volksbildner eine wichtige Brückenfigur: Er brachte jene Vermittlungstradition in den Verein zurück, die seit der Gründung des Kunstvereins im Jahr 1865 zu dessen innerem Auftrag gehört hatte.
Schon die ältere Idee des Kunstvereins war nie bloß auf Ausstellungstätigkeit beschränkt. Der Verein wollte Kunst sichtbar machen, aber auch Verständnis für Kunst wecken. Dieses Anliegen wurde im 20. Jahrhundert schwieriger, weil sich die Kunstszene stärker spezialisierte und sich die Rolle der Kunstfreunde veränderte. Scheucher steht gerade an dieser Schnittstelle: zwischen Künstlerverein, öffentlicher Kulturarbeit und Erwachsenenbildung.
Die ausführliche Vereinschronik nennt ihn als Volksbildner und führt seine Leitung des Werkbundes für die Jahre 1972 bis 1976 an.2 Die Kleine Werkbund-Chronik fasst diese Übergangszeit etwas allgemeiner und hält fest, dass der Bildhauer Ulf Mayer, der Maler Werner Augustiner und der Volksbildner Dr. Franz W. Scheucher kurzfristig die Leitung des Werkbundes bis 1977 innehatten.3 Beide Angaben zeigen: Scheucher gehörte zu jener Reihe von Persönlichkeiten, die den Verein nach der prägenden Ära Rudolf Szyszkowitz und nach den kurzen Leitungen durch Alexander Silveri, Werner Augustiner und Ulf Mayer weiterführten.
Diese Jahre waren für den Werkbund keine einfache Zeit. Nach der starken geistigen und künstlerischen Profilierung unter Rudolf Szyszkowitz, den Ausstellungen „religio 61“ und „religio 65“ sowie der engen Verbindung zur Kunstgewerbeschule musste der Verein sein Selbstverständnis neu ordnen.4 Es ging nicht nur um die Fortsetzung eines Ausstellungsprogramms, sondern um die Frage, wie der Werkbund zwischen künstlerischem Anspruch, Vereinsleben und öffentlicher Wirksamkeit bestehen konnte.
Scheucher brachte dafür eine andere, aber wertvolle Kompetenz ein. Er war kein Bildhauer wie Alexander Silveri oder Ulf Mayer, kein Maler wie Werner Augustiner, sondern ein Vermittler. Sein Hintergrund lag in der Volksbildung, also in jenem Bereich, der Menschen Zugänge zu Wissen, Kultur, Sprache, Kunst und gesellschaftlicher Orientierung eröffnet. Gerade deshalb passt er in die Geschichte des Kunstvereins: Der Werkbund war nie nur ein Zusammenschluss produzierender Künstler, sondern immer auch ein Ort, an dem Kunst in die Öffentlichkeit getragen werden sollte.
Auch außerhalb des Werkbundes ist Scheucher im Umfeld der österreichischen Volksbildung nachweisbar. Die Zeitschrift „Österreichische Volkshochschule“ nennt Prof. Dr. Franz Willibald Scheucher im Zusammenhang mit organisatorischen Fragen der Erwachsenenbildung.5 Bereits 1959 wird er in derselben Zeitschrift im Zusammenhang mit Film und Arbeiterbildung genannt; dort wird deutlich, dass er den Film als bedeutendes Massenmedium verstand und seine Wirkung für die Bildungsarbeit ernst nahm.6 Das zeigt einen modernen Bildungsbegriff: Kulturvermittlung durfte sich nicht auf klassische Vorträge beschränken, sondern musste auch neue Medien und gesellschaftliche Entwicklungen einbeziehen.
Diese Offenheit ist für sein Werkbund-Wirken wichtig. In einer Zeit, in der sich Kunst zunehmend ausdifferenzierte und für viele Menschen schwerer zugänglich wurde, brauchte ein Kunstverein nicht nur Künstler, sondern auch Vermittler. Scheucher konnte Kunst in größere Zusammenhänge stellen: in Bildung, Sprache, Diskussion, Literatur, Film, Öffentlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung.
Der Werkbund war in dieser Phase weiterhin stark von jenen Künstlerpersönlichkeiten geprägt, die aus der Kunstgewerbeschule und der Ortweinschule kamen. Doch mit Scheucher trat stärker die literarische und bildnerisch-vermittelnde Seite des Vereins hervor. In einer internen Übersicht des Werkbundes wird er ausdrücklich unter „Literatur im Werkbund“ geführt, dort als „Prof. Dr. Franz Willibald Scheucher“.7 Das ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass der Werkbund auch literarische und sprachliche Kulturarbeit als Teil seiner Identität verstand.
Scheuchers später nachweisbares Buch „Reise in die Welt. 12 Geburtstagsmärchen“ erschien im Weishaupt Verlag und wurde mit Aquarellen von Edith Mayer illustriert.8 Auch diese Publikation passt zu seiner Persönlichkeit: Sie verbindet Sprache, Erzählung, Pädagogik und bildnerische Gestaltung. Dass Edith Mayer-Hammer, die Ehefrau des Bildhauers Ulf Mayer, die Aquarelle beisteuerte, verweist zudem auf das künstlerische Netzwerk, in dem sich Scheucher bewegte.9
Gerade diese Verbindung von Wort und Bild, von Erzählen und Gestalten, von Volksbildung und Kunstverein macht Scheucher innerhalb der Werkbund-Geschichte interessant. Er steht nicht für ein abgeschlossenes Œuvre im engeren Sinn, sondern für eine Haltung: Kunst braucht Sprache, Erklärung, Begegnung und ein Publikum. Ohne solche Vermittlungsarbeit bleibt auch die beste Ausstellung auf einen kleinen Kreis beschränkt.
Die kleine Werkbund-Chronik nennt für das Jahr 1970 auch eine Werkbund-Ausstellung in Bamberg.10 Diese internationale beziehungsweise überregionale Ausrichtung gehört zum Selbstverständnis des Vereins. Bereits seit dem 19. Jahrhundert suchte der Steiermärkische Kunstverein den Austausch mit anderen Kunstzentren. Auch in der Zeit um Scheucher blieb dieser Blick über Graz hinaus wichtig.
Nach Scheuchers Leitung übernahm Peter Richard Oberhuber von 1976 bis 1982 den Werkbund.11 Damit steht Scheucher in der Präsidentenfolge an einer Übergangsstelle: Er führte den Verein aus der künstlerisch stark von Szyszkowitz geprägten Werkbund-Phase in eine neue organisatorische Etappe. Seine Präsidentschaft war zeitlich begrenzt, aber sie bewahrte eine wichtige Dimension des Vereins: den Gedanken, dass Kunst nicht nur geschaffen, sondern vermittelt werden muss.
Für die Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund ist Franz W. Scheucher daher weniger als klassischer Künstlerpräsident zu sehen, sondern als Kulturvermittler. Er erinnert daran, dass der Werkbund nicht nur aus Malerei, Grafik, Bildhauerei und Kunstgewerbe besteht, sondern auch aus Gespräch, Bildung, Text, Literatur und öffentlicher Auseinandersetzung. In seiner Person wird eine Linie sichtbar, die bis zur Gründung des Vereins zurückreicht: Kunst soll Menschen erreichen, sie bilden, bewegen und zum eigenen Sehen anregen.
Franz W. Scheucher steht damit für die geistige und sprachliche Seite des Werkbundes. Als Volksbildner brachte er eine besondere Sensibilität für Publikum, Verständlichkeit und kulturelle Verantwortung ein. Gerade in einem Kunstverein, der sich stets um Qualität, Öffentlichkeit und Wirkung bemüht hat, ist diese Rolle von bleibender Bedeutung. Sein Wirken zeigt, dass Kunstvereinsarbeit nicht nur in Werken und Ausstellungen besteht, sondern auch in der Fähigkeit, Menschen zur Kunst hinzuführen.
Fußnoten
- Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Entwicklung nach 1948 und dazu, dass frühere Bildungsbestrebungen zunehmend von Urania und Volksbildungsschulen übernommen wurden. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Leitung des Werkbundes durch den Volksbildner Franz W. Scheucher von 1972 bis 1976. ↩
- Steiermärkischer Kunstverein Werkbund: Kleine Werkbund-Chronik, Eintrag 1970; dort werden Ulf Mayer, Werner Augustiner und Dr. Franz W. Scheucher als kurzfristige Leiter des Werkbundes bis 1977 genannt. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Rudolf Szyszkowitz, zur Werkbund-Phase und zu den Ausstellungen „religio 61“ und „religio 65“. ↩
- „Österreichische Volkshochschule“, Dezember 1972, mit Nennung von Prof. Dr. Franz Willibald Scheucher im Zusammenhang mit der organisatorischen Entwicklung der Volkshochschularbeit. Quelle ↩
- „Österreichische Volkshochschule“, Oktober 1959, mit Hinweis auf Franz Willibald Scheucher und seine Ausführungen zum Film als bedeutendem Massenmedium in der Arbeiterbildung. Quelle ↩
- Interne Werkbund-Übersicht „Literatur im Werkbund“; dort genannt: „Prof. Dr. Franz Willibald Scheucher“. ↩
- Weishaupt Verlag: Franz Willibald Scheucher, „Reise in die Welt. 12 Geburtstagsmärchen“, ISBN 978-3-7059-0008-0, 80 Seiten, 12 farbige Abbildungen. Quelle ↩
- Edith Mayer-Hammer wird in bibliografischen Nachweisen als Illustratorin beziehungsweise mit Aquarellen zu Franz Willibald Scheuchers „Reise in die Welt“ genannt. Quelle ↩
- Steiermärkischer Kunstverein Werkbund: Kleine Werkbund-Chronik, Eintrag 1970, zur Werkbund-Ausstellung in Bamberg. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Nachfolge durch Peter Richard Oberhuber, der den Werkbund von 1976 bis 1982 leitete. ↩
