Dr. Moritz Ritter von Schreiner – Steiermärkischer Kunstverein Werkbund
Ehemaliger Präsident

Dr. Moritz Ritter von Schreiner

Präsident 1895 – 1900

* Dezember 1824† 17. März 1911

Im Werkbund

Jurist, Bürgermeister von Graz, Kulturförderer und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins

Dr. Moritz Ritter von Schreiner gehört zu jenen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, die das öffentliche Leben der Steiermark nicht nur politisch, sondern auch kulturell mitgeprägt haben. Er wurde am 4. oder 8. Dezember 1824 in Olmütz, dem heutigen Olomouc, geboren und starb am 17. März 1911 in Graz.1 Nach dem Studium der Rechtswissenschaften wirkte Schreiner zunächst im Staatsdienst, promovierte 1857 zum Dr. jur. und ließ sich 1862 in Graz als Rechtsanwalt nieder.2

Sein Name ist eng mit der Entwicklung der Stadt Graz und des Landes Steiermark verbunden. Ab 1867 gehörte Schreiner dem Steiermärkischen Landtag an; von 1870 bis 1873 war er Bürgermeister der Stadt Graz.3 In dieser Zeit vertrat er einen Typus des bürgerlichen Kulturträgers, der Verwaltung, Bildung, Wissenschaft und Kunst nicht getrennt dachte, sondern als gemeinsame Aufgaben einer modernen Gesellschaft verstand.

Für den Steiermärkischen Kunstverein wurde Schreiner nach den Gründungsjahren zu einer entscheidenden Gestalt. Die ausführliche Vereinschronik nennt 1871 als Jahr, in dem er nach Franz Graf von Meran die Präsidentschaft übernahm.4 Eine interne Präsidentenliste des Vereins führt ihn für die Jahre 1869–1870; die Chronik beschreibt sein Wirken jedoch deutlich über diese kurze Angabe hinaus und hält fest, dass er die Präsidentschaft erst 1900 aus Altersgründen zurücklegte.5 Für die Darstellung seines Wirkens ist daher vor allem die länger ausgeführte Chronik maßgeblich.

Schreiners wichtigste Leistung für den Kunstverein lag zunächst nicht in einer spektakulären künstlerischen Programmatik, sondern in der Sicherung seiner Grundlagen. Der junge Verein war nach den ersten Jahren finanziell belastet. Krieg, Wirtschaftskrise und Geldentwertung hatten den Mitgliederstand und den Verkauf von Anteilscheinen geschwächt. Schreiner gelang es, den Verein durch diplomatisches und kaufmännisches Geschick auf eine tragfähigere wirtschaftliche Basis zu stellen.6

Ein zentrales Instrument dieser Stabilisierung war das sogenannte Prämienblattsystem. Der Kunstverein ließ Kunstwerke oder Reproduktionsrechte erwerben, daraus grafische Blätter herstellen und diese gegen Anteilscheine an Mitglieder und Teilnehmer ausgeben. Zugleich wurden Kunstwerke für Verlosungen angekauft. Dieses System diente mehreren Zielen zugleich: Es brachte Einnahmen, band Kunstfreunde an den Verein, unterstützte Künstler durch Ankäufe und sollte zugleich den Geschmack des Publikums bilden.7 Unter Schreiner wurde dieses System ausgebaut; die Prämienblätter fanden nach der Chronik Absatz in allen Teilen der Monarchie. Bereits im Jahresbericht 1880 konnte der Verein mitteilen, schuldenfrei zu sein.8

Diese wirtschaftliche Konsolidierung hatte bleibende Folgen. Der Kunstverein konnte in der Folge eine beträchtliche Summe zum Neubau des Joanneumsgebäudes in der Neutorgasse beitragen. Als Gegenleistung erhielt er ein Büro im neu errichteten Amtshaus sowie das Recht, die Ausstellungsräume im 1895 fertiggestellten Museum zu nutzen.9 Damit gewann der Verein eine dauerhaftere institutionelle Verankerung im kulturellen Zentrum des Landes. Für Graz bedeutete dies einen wichtigen Schritt: Bildende Kunst wurde nicht mehr nur gelegentlich gezeigt, sondern erhielt innerhalb des Joanneums einen öffentlich sichtbaren Ort.

Auch im Ausstellungswesen fällt Schreiners Amtszeit in eine Phase des Übergangs. Anfangs folgten die Präsentationen noch stark dem damaligen Modell der Verkaufs- und Wanderausstellungen. Häufig wurden Ausstellungen des Österreichischen Kunstvereins oder der Wiener Künstlergenossenschaft übernommen und durch besonders publikumswirksame Werke ergänzt. Die Chronik nennt in diesem Zusammenhang unter anderem Werke von Gabriel Max, Hans Makart und Arnold Böcklin, wobei Böcklins Kunst in Graz damals noch kaum Verständnis fand.10

Mit der Zeit zeigte sich jedoch, dass diese Form der Ausstellung an Wirkung verlor. Besucherzahlen gingen zurück, und auch der Verkauf von Anteilscheinen ließ nach. Schreiners Vereinsleitung reagierte darauf mit Reformversuchen. 1885 versuchte der Steiermärkische Kunstverein, südösterreichische Kunstvereine zur gemeinsamen Gestaltung von Ausstellungszyklen zu gewinnen. Der Plan setzte sich zwar nicht durch, zeigt aber, dass der Verein sein Ausstellungswesen bewusst weiterentwickeln wollte.11

In den 1890er-Jahren wurde dieser Anspruch deutlicher sichtbar. 1890 veranstaltete der Kunstverein die Sonderschau „Alt Steiermark“, zusammengestellt von Reg. Rat Josef Wastler. Daneben wurden Reisebilder, Landschaftsdarstellungen außereuropäischer Gebiete und Ausstellungen auswärtiger Galeristen gezeigt.12 Der Verein blieb damit einerseits seinem Bildungsauftrag verpflichtet, öffnete sich andererseits aber stärker für neue Präsentationsformen und ein breiteres kunstgeschichtliches Interesse.

Eine besondere Zäsur brachte das Jahr 1895. Mit der Eröffnung des neuen Landesmuseums Joanneum in der Neutorgasse wurde zugleich die 78. Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereins eröffnet. Die Übersiedlung aus den unzulänglichen Räumen des Palais Wildenstein in das neue Museumsgebäude stärkte die öffentliche Sichtbarkeit des Vereins erheblich. Zugleich begann der Kunstverein, seine Ausstellungskonzepte bewusster zu ordnen: Die Exponate sollten nicht mehr bloß zusammengestellt, sondern nach einem Leitgedanken ausgewählt werden. Ziel war eine größere Übersichtlichkeit und Geschlossenheit.13

Die Ausstellung von 1895 zeigt diesen neuen Anspruch besonders deutlich. Neben Arbeiten heimischer Künstler präsentierte der Verein einen Überblick über aktuelle Tendenzen der Künstlergrafik. Gezeigt wurden unter anderem Arbeiten von Max Klinger, Hans Thoma, Max Liebermann, Wilhelm Leibl und Félicien Rops sowie Holzschnitte amerikanischer Künstler.14 Damit öffnete sich der Steiermärkische Kunstverein stärker gegenüber überregionalen und internationalen Entwicklungen.

Auch in den folgenden Jahren blieb dieser Blick über die Steiermark hinaus wichtig. 1897 konnte ein Teil der Dresdner internationalen Ausstellung nach Graz gebracht werden; außerdem widmete der Verein dem steirischen Radierer Theodor Alphons eine Retrospektive. Es folgten unter anderem eine Ausstellung mit Werken Max Slevogts, eine Präsentation von Künstlerplakaten sowie 1898 eine Schau verschiedener Münchner Künstlervereinigungen, darunter Künstlergenossenschaft, Luitpoldgruppe und Secession.15

Schreiners Bedeutung liegt damit vor allem in der stilleren, aber grundlegenden Arbeit der Konsolidierung. Er machte den Steiermärkischen Kunstverein wirtschaftlich handlungsfähig, stärkte seine gesellschaftliche Stellung und führte ihn näher an das Joanneum als zentrale Kulturinstitution des Landes heran. Zugleich fiel in seine Amtszeit der Schritt von der älteren Verkaufs- und Kunstfreundepraxis zu einem bewusster gestalteten Ausstellungswesen.

Für die Steiermark war Schreiner ein Vermittler zwischen Recht, Politik, Stadtentwicklung und Kultur. Für den Kunstverein war er der Präsident, der nach den idealistischen Gründungsjahren die Strukturen festigte, auf denen spätere Entwicklungen aufbauen konnten. Ohne diese Phase der Stabilisierung wäre die spätere Öffnung des Vereins für moderne künstlerische Strömungen unter Wilhelm Gurlitt kaum in derselben Weise möglich gewesen.

Fußnoten

  1. Österreichisches Biographisches Lexikon: „Schreiner, Mori(t)z von (1824–1911), Politiker und Jurist“.
  2. Österreichisches Biographisches Lexikon: Angaben zu Ausbildung, Promotion und beruflicher Tätigkeit Schreiners.
  3. Stadt Graz: „Die Bürgermeister bis 1946“, dort: „1870–1873: Dr. Moritz Ritter von Schreiner“.
  4. Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt zu Dr. Moritz Ritter von Schreiner.
  5. Interne Präsidentenliste des Steiermärkischen Kunstvereins Werkbund; ergänzend Fritz-Schafschetzy, „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, mit Hinweis auf Schreiners Rücktritt 1900.
  6. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur finanziellen Lage des Vereins und zu Schreiners Konsolidierungsleistung.
  7. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Funktion der Prämienblätter, Anteilscheine und Kunstverlosungen.
  8. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Jahresbericht 1880: Verein schuldenfrei.
  9. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Beteiligung am Joanneumsneubau und zum Benutzungsrecht der Ausstellungsräume.
  10. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Ausstellungsgepflogenheiten und zu Werken von Max, Makart und Böcklin.
  11. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Reformversuch 1885.
  12. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu „Alt Steiermark“ und weiteren Ausstellungen um 1890.
  13. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur 78. Ausstellung und zur neuen Ausstellungskonzeption 1895.
  14. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Grafik-Ausstellung 1895.
  15. Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu Ausstellungen 1897/1898.