Dr. Franz Wibiral
* 1840 † 9. Oktober 1914
Im Werkbund
Dr. Franz Wibiral
1840–1914 | Jurist, Kunstkenner, Gründer des Kupferstichkabinetts am Joanneum und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins
Dr. Franz Wibiral gehört zu jenen stillen, aber prägenden Persönlichkeiten, ohne die das steirische Kunstleben um 1900 kaum in seiner heutigen Entwicklung zu verstehen ist. Er wurde 1840 in Brünn geboren und starb 1914 in Graz.1 Beruflich kam Wibiral ursprünglich aus der Jurisprudenz. In Wien war er als Rechtsanwalt tätig und hatte dort bereits eine eigene Grafiksammlung aufgebaut. Nachdem er aus gesundheitlichen Gründen Wien verlassen und seinen Anwaltsberuf aufgegeben hatte, lebte er einige Jahre in Meran und übersiedelte 1893 nach Graz.2
Mit Graz verband Wibiral bald weit mehr als ein Wohnsitz. Er widmete sich hier ganz der Kunst, vor allem der Grafik, ihrer Sammlung, Ordnung und Vermittlung. In ihm verbanden sich der feinsinnige Kunstkenner, der gewissenhafte Sammler und der uneigennützige Förderer. Gerade diese Haltung machte ihn für den Steiermärkischen Kunstverein und für das Landesmuseum Joanneum zu einer bedeutenden Figur.
Sein Name ist besonders eng mit dem Kupferstichkabinett am Joanneum verbunden. Bereits 1899 begann Wibiral mit der Neuordnung und Zusammenführung der Grafikbestände aus der Zeichenakademie, der Landesbibliothek und der Landesbildergalerie.3 Am 26. November 1901, genau neunzig Jahre nach der Gründung des Joanneums, wurde das von ihm geschaffene Kupferstichkabinett als eigene Abteilung eröffnet.4 Die Sammlung umfasste zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 12.000 Blätter.5
Damit leistete Wibiral einen entscheidenden Beitrag zur wissenschaftlichen und musealen Erschließung der Grafik in der Steiermark. Das Kupferstichkabinett vereinte Werke aus unterschiedlichen steirischen Sammlungszusammenhängen an einem Ort und machte sie einer geordneten Betrachtung zugänglich. Besonders wichtig waren dabei Bestände aus der ehemaligen Zeichenakademie, die vielfach als Vorlagen für den Unterricht gedient hatten, aber auch Arbeiten von Lehrern und Schülern enthielten.6
Wibiral leitete das Kupferstichkabinett bis zu seinem Tod im Jahr 1914 ehrenamtlich.7 In dieser Zeit vermehrte er den Bestand erheblich. Die Forschung zur Geschichte des Kupferstichkabinetts hält fest, dass er den Bestand bis 1914 vervierfachte, vor allem durch Neuerwerbungen aus dem 19. Jahrhundert und durch eine gezielte Erweiterung der Sammlung.8 Seine Arbeit war damit nicht bloß verwaltend, sondern aufbauend: Wibiral schuf eine Sammlung, die für das Verständnis der steirischen und europäischen Kunstgeschichte dauerhaft Bedeutung erhielt.
Auch für den Steiermärkischen Kunstverein wurde Wibiral zu einer wichtigen Persönlichkeit. Nach dem frühen Tod von Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Gurlitt übernahm er 1905 für drei Jahre die Präsidentschaft des Vereins.9 Die Werkbund-Geschichte nennt ihn ausdrücklich unter jenen Persönlichkeiten, die dem Verein ihr Gepräge gaben, und bezeichnet ihn als Gründer des Kupferstichkabinetts am Joanneum.10
Wibirals Präsidentschaft stand unter anderen Voraussetzungen als jene Gurlitts. Während Gurlitt den Anschluss an die modernen künstlerischen Strömungen, besonders nach München und Wien, suchte, musste Wibiral den Verein in einer Phase weiterführen, in der die Beschaffung geschlossener auswärtiger Kollektionen schwieriger und für viele Künstler wirtschaftlich wenig lohnend geworden war. Die Vereinschronik hält daher fest, dass sich der Kunstverein unter Wibiral wieder stärker auf die Werke steirischer Künstler stützte.11
Gerade darin liegt ein wichtiger Akzent seiner Amtszeit. Wibiral führte den Verein nicht in eine rückwärtsgewandte Enge, sondern stärkte die Verbindung zwischen regionaler Kunstproduktion und überregionalem Anspruch. 1905 wurden neben Arbeiten steirischer Künstler wie Alfred Schrötter, Friederike Koch-Langentreu, Daniel Pauluzzi, Karl Berger, Konrad von Supanchich und Emilie von Hallavanya auch Werke von Karl Moll, Hans Müller-Dachau und Emil Orlik gezeigt.12 Der Kunstverein blieb also offen für auswärtige Positionen, gab aber der heimischen Künstlerschaft größeren Raum.
Im Frühjahr 1906 veranstaltete der Kunstverein unter Wibirals Präsidentschaft eine Personalausstellung des Grazer Porträtisten Hermann Torggler.13 Besonders bedeutsam war im selben Jahr die Herbstausstellung, an der neben steirischen Künstlern auch Künstler aus Wien, München, Karlsruhe und Stuttgart teilnahmen. In diesem Rahmen wurden erstmals die vom Kunstverein und der Vereinigung bildender Künstler angeregten goldenen Staatsmedaillen und silbernen Medaillen der Stadt Graz vergeben.14 Damit wurde die jährliche Ausstellungstätigkeit nicht nur als Präsentationsform, sondern auch als Ort öffentlicher künstlerischer Anerkennung gestärkt.
Die ersten goldenen Staatsmedaillen gingen an Carl O’Lynch of Town und Richard Riemerschmid aus München; silberne Medaillen erhielten Hugo Baar und der Frohnleitner Künstler Alois Penz.15 Diese Auszeichnungen zeigen, dass der Kunstverein unter Wibiral weiterhin zwischen lokaler Kunstszene und überregionalem Kunstgeschehen vermittelte. Die Steiermark wurde nicht isoliert betrachtet, sondern in einen größeren künstlerischen Zusammenhang gestellt.
Eine besondere kunsthistorische Bedeutung hatte die Ausstellung „Ältere Kunstwerke aus heimischem Privatbesitz“ im Jahr 1907, die auf Anregung des Kunstvereinsmitgliedes Dr. Emil Ertl veranstaltet wurde.16 Sie machte Werke sichtbar, die sich in Grazer Privatsammlungen befanden, darunter Zuschreibungen an bedeutende europäische Künstler. Auch wenn solche Zuschreibungen aus heutiger Sicht mit Vorsicht zu behandeln sind, war die Ausstellung für die damalige Kunstöffentlichkeit von großer Bedeutung: Sie lenkte den Blick auf den privaten Kunstbesitz in Graz und machte deutlich, dass Kunstgeschichte nicht nur im Museum, sondern auch in den Häusern der Stadt bewahrt wurde.
In derselben Ausstellung konnten erstmals Arbeiten der sogenannten „Kammermaler“ Erzherzog Johanns aus dem Privatbesitz der Familie Meran öffentlich gezeigt werden.17 Damit verband der Kunstverein unter Wibiral die Pflege steirischer Erinnerungskultur mit kunsthistorischer Vermittlung. Die Schau wurde laut Chronik allgemein bewundert und zeigt beispielhaft, wie Wibiral die Kunst der Vergangenheit nicht museal verschloss, sondern öffentlich zugänglich machte.
Wibirals Bedeutung liegt daher in einer doppelten Vermittlungsleistung. Am Joanneum ordnete, bewahrte und erweiterte er die grafischen Bestände und schuf mit dem Kupferstichkabinett eine bleibende Institution. Im Steiermärkischen Kunstverein führte er die Ausstellungstätigkeit nach Gurlitt weiter, stärkte die steirische Künstlerschaft, hielt aber zugleich die Verbindung zu auswärtigen Kunstzentren aufrecht. Er war kein lauter Programmatiker, sondern ein dienender, beharrlicher Kulturarbeiter.
Ein zeitgenössischer Nachruf würdigte genau diese Haltung. Wibiral habe nicht nur in allen Kreisen für die Kunst der Gegenwart und der Vergangenheit geworben, sondern auch lebendiges Interesse dafür geweckt, Sammler gewonnen und erzogen. Diese Tätigkeit habe er durch Ausstellungen, Führungen und Vorträge im Kupferstichkabinett ergänzt — alles ehrenamtlich und aus Liebe zur Sache.18
Für den Steiermärkischen Kunstverein steht Dr. Franz Wibiral damit für eine Phase der Sammlung, Ordnung und kunsthistorischen Vertiefung. Sein Wirken verbindet die Geschichte des Vereins mit der Geschichte des Joanneums und mit der Entwicklung der öffentlichen Kunstpflege in Graz. Er machte sichtbar, dass Kunstvermittlung nicht nur in großen programmatischen Gesten besteht, sondern ebenso in sorgfältiger Sammlungspflege, wissenschaftlicher Ordnung, persönlicher Hingabe und der beharrlichen Öffnung von Kunst für ein interessiertes Publikum.
Fußnoten
- Historischer Verein für Steiermark: „Dr. Franz Wibirals 100. Geburtstag“, mit den Lebensdaten „Geboren 1840 zu Brünn, gestorben 1914 zu Graz“. Quelle ↩
- Karin Leitner-Ruhe: „Zur Geschichte des Kupferstichkabinetts der Alten Galerie und seines bedeutendsten Mäzens Joseph Heintl“, mit Hinweis auf Wibirals Tätigkeit als Rechtsanwalt in Wien, seine eigene Graphiksammlung, den Aufenthalt in Meran und die Übersiedlung nach Graz 1893. Quelle ↩
- Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt zu Dr. Franz Wibiral, zur Neuordnung und Zusammenlegung der Grafikbestände ab 1899. ↩
- Karin Leitner-Ruhe: „Zur Geschichte des Kupferstichkabinetts der Alten Galerie“, zur Eröffnung des Kupferstichkabinetts am 26. November 1901 als eigene Abteilung. Quelle ↩
- Leitner-Ruhe: „Zur Geschichte des Kupferstichkabinetts der Alten Galerie“, Bestand von mehr als 12.000 Blättern bei der Eröffnung 1901. Quelle ↩
- Leitner-Ruhe: „Zur Geschichte des Kupferstichkabinetts der Alten Galerie“, zur Zusammenführung von Werken aus Landesbibliothek, Landesarchiv, Zeichenakademie und Landesbildergalerie. Quelle ↩
- Historischer Verein für Steiermark: „Dr. Franz Wibirals 100. Geburtstag“, dort: ehrenamtlicher Vorstand des Kupferstichkabinetts am Landesmuseum Joanneum in Graz 1899–1914. Quelle ↩
- Leitner-Ruhe: „Zur Geschichte des Kupferstichkabinetts der Alten Galerie“, zur Vervierfachung des Bestandes bis 1914. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Übernahme der Präsidentschaft nach dem Tod Wilhelm Gurlitts. ↩
- Steiermärkischer Kunstverein Werkbund: „Der Werkbund“, Nennung Dr. Franz Wibirals als Gründer des Kupferstichkabinetts am Joanneum und als prägende Persönlichkeit des Vereins. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur stärkeren Stützung auf Werke steirischer Künstler unter Wibiral. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Ausstellungen 1905 mit steirischen und auswärtigen Künstlern. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Personalausstellung Hermann Torggler im Frühjahr 1906. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Herbstausstellung 1906 und zur Einführung der goldenen Staatsmedaillen und silbernen Medaillen der Stadt Graz. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den ersten Preisträgern der goldenen Staatsmedaillen und silbernen Medaillen. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung „Ältere Kunstwerke aus heimischem Privatbesitz“ 1907. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur öffentlichen Präsentation von Arbeiten der „Kammermaler“ Erzherzog Johanns aus dem Privatbesitz der Familie Meran. ↩
- Historischer Verein für Steiermark: „Dr. Franz Wibirals 100. Geburtstag“, Würdigung Wibirals als Präsident, Leitungsmitglied des Kunstvereins und ehrenamtlicher Kunstvermittler durch Ausstellungen, Führungen und Vorträge. Quelle ↩
