Dr. Emil Uranitsch
* 25. April 1877 † 29. Oktober 1959
Im Werkbund
Rechtsanwalt, Kunstvermittler und Präsident des Steiermärkischen Kunstvereins
Dr. Emil Uranitsch zählt zu jenen Persönlichkeiten, die den Steiermärkischen Kunstverein in einer schwierigen Übergangszeit leiteten. Er war Rechtsanwalt in Graz und wurde 1908 zum Präsidenten des Steiermärkischen Kunstvereins gewählt. Dieses Amt übte er bis 1918 aus.1 Damit stand er dem Verein in einer Epoche vor, die von kulturellen Reformbewegungen, einem wachsenden Interesse an Denkmal- und Stadtbildpflege sowie schließlich von den Einschränkungen des Ersten Weltkrieges geprägt war.
Schon vor seiner Präsidentschaft war Uranitsch im Kunstverein tätig. Im „Jahrbuch der bildenden Kunst“ wird er für den Steiermärkischen Kunstverein in Graz als erster Vizepräsident und als Hof- und Gerichtsadvokat genannt.2 Damit gehörte er bereits unter der Präsidentschaft Dr. Franz Wibirals zur engeren Vereinsführung. Sein Aufstieg an die Spitze des Vereins war daher kein abrupter Wechsel, sondern die Fortsetzung eines länger gewachsenen Engagements.
Als Jurist brachte Uranitsch eine Haltung in den Verein ein, die weniger von künstlerischer Selbstproduktion als von Ordnung, Vermittlung und institutioneller Verantwortung geprägt war. Auch außerhalb des Kunstvereins ist er als rechtswissenschaftlich tätiger Autor nachweisbar. 1890 veröffentlichte er bei Manz die Schrift „Die Formverfügung bei Rechtsgeschäften“.3 Diese juristische Prägung ist für sein Wirken im Kunstverein nicht nebensächlich: In einer Zeit, in der Kunstvereine organisatorisch, finanziell und gesellschaftlich auf klare Strukturen angewiesen waren, bildeten Persönlichkeiten aus Recht, Verwaltung und öffentlichem Leben eine wichtige Stütze.
Unter Uranitschs Präsidentschaft blieb der Steiermärkische Kunstverein ein zentraler Ort der Kunstvermittlung in Graz. Die Vereinschronik hebt ausdrücklich hervor, dass auch während seiner Amtszeit eine Reihe interessanter Ausstellungen veranstaltet wurde.4 Dabei ging es nicht allein um die Präsentation einzelner Künstler oder um den Verkauf von Werken. Der Verein verstand seine Ausstellungen weiterhin als öffentliche Bildungsarbeit: Kunst sollte gezeigt, erklärt, diskutiert und in größere kulturelle Zusammenhänge gestellt werden.
Besonders wichtig war die Ausstellung „Das Stadtbild von Graz“ im Jahr 1908. Sie stand unter dem Motto „Das Stadtbild von Graz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ und wurde als 108. Ausstellung des Steiermärkischen Kunstvereins im Landesmuseum in der Neutorgasse durchgeführt.5 Zusammengestellt wurde sie vom späteren Landeskonservator Dr. Walter von Semetkowski. Die Ausstellung umfasste Stadtansichten von Graz vom Jahr 1480 bis in die Gegenwart und stellte damit die Entwicklung des Grazer Stadtbildes in einen historischen und künstlerischen Zusammenhang.6
Diese Schau war weit mehr als eine Ausstellung historischer Ansichten. Sie griff zentrale Fragen auf, die Graz um 1900 bewegten: Wie verändert sich eine Stadt? Welche Verantwortung trägt eine Gesellschaft gegenüber ihrer gebauten Umwelt? Wie lassen sich Fortschritt, Stadtentwicklung und Bewahrung historischer Identität miteinander verbinden? Im Rahmenprogramm wurden Vorträge über städtischen Heimatschutz, Kunst im Städtebau, heimische Bauweise und die bauliche Umgestaltung von Graz gehalten; außerdem fanden historische Führungen statt.7
Damit wurde unter Uranitschs Präsidentschaft ein Thema öffentlich verhandelt, das weit über den klassischen Ausstellungsbetrieb hinausging. Die Vereinschronik betont, dass diese Veranstaltung erstmals in Graz eine größere Publikumsschicht mit Fragen des Denkmalschutzes konfrontierte.8 Die Ausstellung gab auch einen entscheidenden Impuls zur Gründung des Vereins für Heimatschutz in Steiermark im Jahr 1909. Der Steiermärkische Kunstverein trat diesem neuen Verein als Mitglied bei.9
Der Kunstverein unter Uranitsch war somit nicht nur ein Ort für Malerei, Grafik und Skulptur, sondern auch ein Forum für Stadtbild, Denkmalpflege und Baukultur. Diese Erweiterung des Kunstbegriffs ist für die Geschichte des Vereins bedeutsam. Sie zeigt, dass der Steiermärkische Kunstverein Kunst nicht isoliert verstand, sondern im Zusammenhang mit öffentlichem Raum, Architektur, Geschichte und kultureller Verantwortung.
Auch die Förderung heimischer Künstler spielte unter Uranitsch eine wichtige Rolle. 1909 zeigte der Kunstverein neben Werken auswärtiger Künstler zunehmend Arbeiten steirischer Künstlerinnen und Künstler. Die Chronik nennt unter anderem Marie Hallavanya, Elfriede von Coltelli, Friederike Koch-Langentreu, Cora Lavzil, Alfred Schrötter-Kristelli, Hermine Schuch, Emmy Singer, Fritz Silberbauer und Anton Weinkopf.10 Damit setzte sich jene Entwicklung fort, die bereits unter Wibiral sichtbar geworden war: Der Verein blieb offen für überregionale Impulse, gab aber der steirischen Künstlerschaft immer stärkeren Raum.
Im selben Jahr 1909 trat der Steiermärkische Kunstverein dem Verband deutscher Kunstvereine bei.11 Dieser Verband arbeitete mit Wanderausstellungen und sollte das Ausstellungswesen der Kunstvereine neu beleben. Für den Grazer Verein bedeutete dieser Schritt eine stärkere Einbindung in ein überregionales Netzwerk. Er entsprach der langen Tradition des Kunstvereins, über die Steiermark hinaus Kontakte zu pflegen und Werke aus anderen Kunstzentren nach Graz zu bringen.
Ab 1910 wurde auch die Präsentationsform der Ausstellungen verändert. Der Kunstverein zeigte eine Grundauswahl meist heimischer Künstler und ergänzte diese durch wechselnde Sonderschauen einzelner Künstler oder Künstlergruppen. Nach der Hälfte der Ausstellungsdauer wurden diese Sonderkollektionen ausgetauscht, während die übrigen Werke weiter zu sehen blieben.12 Dadurch sollte das Publikum zu wiederholten Besuchen angeregt werden. Diese Praxis zeigt, dass der Verein auch organisatorisch nach neuen Wegen suchte, um Aufmerksamkeit und Interesse wachzuhalten.
Im Frühjahr 1910 präsentierte der Kunstverein neben steirischen Künstlern zunächst Arbeiten des Münchner Malers Edmund Steppes und anschließend eine Personalschau des steirischen Künstlers Leo Diet.13 Im Dezember folgten Bilder Düsseldorfer Künstler, im Jänner darauf Werke aus München. Auch hier wird das doppelte Profil des Vereins erkennbar: regionale Verankerung und überregionale Öffnung.
Bemerkenswert ist außerdem Uranitschs Nähe zur zeitgenössischen Kunstkritik und Kunstvermittlung. Bereits 1907 ist er als Autor eines Beitrags über die „Ausstellung künstlerischer Photographien in Graz“ in der „Grazer Tagespost“ nachweisbar; der Text wurde in den „Photographischen Mitteilungen“ wiedergegeben.14 Das ist deshalb interessant, weil die künstlerische Fotografie in dieser Zeit noch um Anerkennung als Kunstform rang. Uranitschs Beschäftigung mit dieser Ausstellung zeigt, dass sein Kunstinteresse nicht auf traditionelle Malerei beschränkt war.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 schränkte die Tätigkeit des Steiermärkischen Kunstvereins erheblich ein. Dennoch kam die Vereinsarbeit nicht völlig zum Erliegen. Die Chronik nennt für 1914 eine Sonderschau mit Werken von Friederike Koch-Langentreu und ihren Schülern; 1916 veranstaltete der Kunstverein eine Kriegsbilderausstellung, die vom Kriegspressequartier zusammengestellt worden war.15 Uranitschs Präsidentschaft endete 1918, also mit dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch der Monarchie.
Dr. Emil Uranitsch steht in der Geschichte des Steiermärkischen Kunstvereins für eine Phase, in der der Verein seine Rolle als öffentliche Kulturinstitution weiter ausbaute. Unter seiner Leitung wurden nicht nur Ausstellungen organisiert, sondern Fragen von Stadtbild, Denkmalpflege, Heimatschutz, künstlerischer Fotografie und regionaler Kunstförderung in den Mittelpunkt gerückt. Sein Wirken zeigt den Kunstverein als lebendiges Forum, das Kunst und Gesellschaft miteinander verband.
Für die Steiermark war diese Zeit besonders wichtig. Der Kunstverein trug dazu bei, dass Kunst nicht nur als ästhetischer Gegenstand, sondern auch als Teil des öffentlichen Raumes verstanden wurde. Die Ausstellung „Das Stadtbild von Graz“ machte sichtbar, dass Stadtentwicklung, Architektur und historische Erinnerung ebenfalls künstlerische und kulturelle Fragen sind. In diesem Sinne gehört Dr. Emil Uranitsch zu jenen Präsidenten, die den Steiermärkischen Kunstverein über den engeren Ausstellungsbetrieb hinaus in das kulturelle Bewusstsein des Landes einschrieben.
Fußnoten
- Margit Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, Abschnitt zu Dr. Emil Uranitsch; dort: Wahl 1908 und Leitung des Kunstvereins bis 1918. ↩
- „Jahrbuch der bildenden Kunst“, Eintrag zum Steiermärkischen Kunstverein in Graz: Dr. Emil Uranitsch als erster Vizepräsident und Hof- und Gerichtsadvokat. Quelle ↩
- Emil Uranitsch: „Die Formverfügung bei Rechtsgeschäften“, Manz, 1890. Bibliografischer Nachweis bei Google Books. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellungstätigkeit unter Uranitsch. ↩
- Bibliografischer Nachweis zum Plakat „Das Stadtbild von Graz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 108. Ausstellung des steierm. Kunstvereines im Landesmuseum, Neuthorgasse“, Graz 1908. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Ausstellung „Das Stadtbild von Graz“ und zur Zusammenstellung durch Dr. Walter von Semetkowski. ↩
- Antje Senarclens de Grancy: „Die Anfänge des Heimatschutzes in der Steiermark (1909–1918)“, mit Hinweis auf die 1908/09 vom Steiermärkischen Kunstverein durchgeführte und von Semetkowski zusammengestellte Ausstellung „Das Stadtbild von Graz“ samt Rahmenprogramm. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur Wirkung der Ausstellung auf das öffentliche Bewusstsein für Denkmalschutz. ↩
- Antje Senarclens de Grancy: „Die Anfänge des Heimatschutzes in der Steiermark (1909–1918)“, zur Gründung des Vereins für Heimatschutz in Steiermark 1909; ergänzend Fritz-Schafschetzy zum Beitritt des Steiermärkischen Kunstvereins. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den 1909 ausstellenden steirischen Künstlerinnen und Künstlern. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zum Beitritt des Steiermärkischen Kunstvereins zum Verband deutscher Kunstvereine im Jahr 1909. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur ab 1910 geänderten Präsentationsform mit Grundausstellung und wechselnden Sonderkollektionen. ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zu den Ausstellungen 1910 mit Edmund Steppes und Leo Diet. ↩
- Albertina Digitale Publikationen: Nachweis des Beitrags von Emil Uranitsch „Ausstellung künstlerischer Photographien in Graz“, erschienen in der „Grazer Tagespost“ und wiedergegeben in den „Photographischen Mitteilungen“, 1907. Quelle ↩
- Fritz-Schafschetzy: „Der Steiermärkische Kunstverein im Wandel der Zeit“, zur eingeschränkten Vereinstätigkeit während des Ersten Weltkriegs, zur Sonderschau 1914 und zur Kriegsbilderausstellung 1916. ↩
